Auswirkungen der Bindungen im Kindesalter

 

Immer wieder wird die Notwendigkeit einer sicheren Bindung zwischen Kind und Bindungsperson(en) betont. Wir lesen und hören immer wieder, wie wichtig die Beziehung und Bindung für eine gesunde Entwicklung von Kindern ist. Kommen Kinder in die Krippe, Tagespflege oder den Kindergarten und gehen neue Beziehungen ein, ploppt das Thema der Bindung erneut auf. Tatsächlich begleitet es uns Menschen ein Leben lang, immer wieder stehen wir vor der Herausforderung neue Beziehungen einzugehen und Übergänge zu bewältigen.

Warum die Grundlagen der Bindung so wichtig ist, wird der folgende Artikel erläutern. Die Bindungstheorie wird nur in Kürze erläutert werden, es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.

 

Bindung im Kleinkindalter

Ein Kleinkind ist auf eine Form von Bindung angewiesen. Diese trägt erheblich dazu bei, wie ein Kind sein Leben beschreitet, auf andere Menschen reagiert und sich in fremden Umgebungen verhält.

Begründer der Bindungstheorie waren Bowlby und Ainsworth.

„Eine zentrale Aussage von Bowlbys Theorie ist, daß der menschliche Säugling die angeborene Neigung hat, die Nähe einer vertrauten Person zu suchen. Fühlt er sich müde, krank, unsicher oder allein, so werden Bindungsverhaltensweisen wie Schreien, Lächeln, Anklammern und Nachfolgen aktiviert, welche die Nähe der vertrauten Person wieder herstellen sollen“ (Dornes 2002, S. 23).

 

Ainsworth hat unter anderem die Qualität der Bindungen zwischen Mutter und Kind untersucht und vier Bindungsstile herausgestellt. Die Art der Feinfühligkeit im Hinblick auf die Reaktionen und Signale des Säuglings geben Aufschluss über die Form der Bindung.

Sicher gebunden: Sicher gebundene Kinder erleben eine feinfühlige Mutter (Bindungsperson), die „schnell und angemessen auf die Signale ihres Kindes“ reagiert (ebd., S. 23).

Unsicher-vermeidend: Ist die Bindungsperson hingegen zurückweisend und desinteressiert an den Bedürfnissen des Kindes, prägt sich ein unsicher-vermeidender Stil.

Unsicher-ambivalent: Als dritte Form existiert der unsicher-ambivalente Bindungsstil. Hier erfährt das Kind eine unvorhersehbare Reaktion und es kann sich auf die Erfüllung seiner Bedürfnisse nicht verlassen (vgl. ebd., S. 23 f.).

Desorganisiert/desorientiert: Als viertes ist das desorganisierte bzw. desorientierte Bindungsmuster zu nennen. Menschen, die desorganisiertes Bindungsverhalten zeigen, konnten keine Strategie im Umgang mit Trennungen entwickeln. Sie zeigen sich unsicher, ob die Bezugsperson für sie (emotional) erreichbar ist. Auslöser können unbearbeitete Verluste oder Traumata sein. In außergewöhnlichen Situationen bricht ihre „Verhaltens- und Aufmerksamkeitsstrategie“ zusammen (vgl. Hédérvari-Heller 2011, S. 67).

 

Einmal Bindungsmuster – immer Bindungsmuster?

Tatsächlich kann sich das Bindungsmuster eines Menschen durch stärkende oder schwächende Einflüsse verändern. Begünstigende Lebensumstände können ein unsicheres Bindungsmuster bestenfalls in ein sicheres verändern und im Gegensatz eine sichere Bindung sich in eine unsichere umstrukturieren. Die Wahrscheinlichkeit, geknüpft an die Verformbarkeit des Menschen, nimmt im Laufe des Alters hingegen ab (vgl. ebd., S. 75). „Veränderungen in den Lebensumständen können auch Veränderungen in Beziehungsprozessen sowie der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes bewirken“ (Hédérvari-Heller 2011, S. 76). Positiv formuliert benötigen Kinder, welche durch unkooperatives Verhalten auffallen, Erwachsene die die missliche Lage der Kinder erkennen und ihnen unterstützend zur Seite stehen, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Bestrafen und demütigen wir ein Kind für sein Verhalten, wird es hingegen nicht gestärkt, die unsichere Bindung eher bestärkt.

 

Auswirkungen der Bindung

Empirische Daten konnten nachweisen, dass Kindern, denen eine sichere Bindung im ersten Lebensjahr nachzuweisen ist, im Vorschulalter eine größere soziale Kompetenz, ein stärkeres Selbstwertgefühl sowie eine Lern- und Experimentierfreudigkeit zugeschrieben werden konnte. Anderen Kindern gegenüber zeigen sie sich hilfsbereiter, emphatischer und im Allgemeinen freundlicher als Kinder mit einem unsicheren Bindungsmuster (vgl. Egeland 2002, zit. n. Hédérvari-Heller 2011, S. 75.).

 

 

Im Gegenzug weisen Kinder, die Ablehnung erfahren und eine desorganisierte Bindung haben, eine geringere Frustrationstoleranz auf und zeigen sich überdurchschnittlich aggressiv und auffällig. Im Kindergarten fallen sie durch dieses Verhalten schneller auf. Sie gehen mit anderen Kindern weniger wertschätzend und kooperativ um und sind im Allgemeinen weniger sozial miteinander. Durch ihre Erfahrung gehen sie schneller auf Abwehr, denn sie vermuten häufiger feindseliges Verhalten von Anderen. Dies führt dazu, dass diese Kinder weniger Freunde haben, mit denen sie wertvolle und wichtige Erfahrungen sammeln können. Es fehlt ihnen die Erkenntnis, wie wertvoll Freundschaften sein können mit seinen Erfahrungsschätzen. Sie geraten in Einsamkeit und das Erlernen von sozialen Kompetenzen bleibt ihnen verwehrt. Manchmal finden diese Kinder Gleichgesinnte und es entwickeln sich Gruppen mit ähnlicher Motivation und Ausprägung.

 

Dies stellt einen Teufelskreis dar, aus dem das Kind nur durch die Erfahrung eines wertschätzenden und liebevollen Umgangs ausbrechen kann (vgl. Grossmann 2002, S. 73). Kinder, die dieses Verhalten aufzeigen, sind meist durch eine desorganisierte Bindung geprägt. Sie haben im Elternhaus Unsicherheiten erfahren. Um im Kindergarten aus diesem Kreislauf auszubrechen, sind sie mit ungefähr zwei Jahren oftmals die Bestimmer und reißen in der Kindergruppe das Ruder an sich. Sie fühlen sich mit dem Verhalten sicherer, fallen aber durch ihr unkooperatives Verhalten auf (vgl. Kollmann 2013, S. 41).

 

Auswirkungen des Bindungserleben der Erwachsenen

Das eigene Bindungserleben und die Erfahrungen der Eltern können eine entscheidende Rolle für den Umgang mit dem eigenen Kind spielen. Eltern, die selbst unter Zurückweisung und Misshandlungen litten, weisen häufig eine geringe Frustrationstoleranz auf und reagieren bereitwilliger auf Störungen mit Aggressionen, insofern keine Aufarbeitung der Erlebnisse stattgefunden hat. Erleben sie ihr Kind als aufmüpfig, auch wenn es sich um ein gesundes selbstbewusstes kindliches Verhalten handelt, sehen sie ihre eigenen Kompetenzen untergraben (vgl. Grossmann 2002, S. 71 f.). Selbstwertgefühl wird in erster Linie in der Familie geprägt, größtenteils durch Anerkennung, aber auch durch Zuwendung, Vertrauen und Liebe. Glücklicherweise können selbst misshandelte Mütter (bzw. Bindungspersonen) diesen Teufelskreis durchbrechen und behandeln nicht zwangsläufig die eigenen Kinder schlecht. Mütter (oder andere Bindungspersonen), die ihre eigenen Kinder liebevoll großziehen, hatten in ihrer Kindheit eine weitere Person (Großeltern, Verwandte etc.), die ihnen ein anderes Gefühl gaben und Liebe, und durch die sie Anerkennung erfuhren. Im späteren Alter tragen auch TherapeutInnen, enge Freunde oder beispielsweise der Partner dazu bei, diesen Müttern (s.o.) auf dem weiteren Weg Beistand zu leisten, um als liebevolle Mütter zu agieren (vgl. ebd., S. 71 ff.).

„Die Einsicht in das Unrecht, das ihnen als Kind zugefügt worden ist, und die Erinnerung an die zu Unrecht erlittenen Schmerzen führten dazu, daß sie ihr Kind liebevoller behandeln als sie selbst behandelt worden waren. Die Mütter dagegen, die ihr Kind wiederum sehr abwertend oder aggressiv behandelten, hatten keine schützenden, wertvollen Beziehungen erlebt und keine Einsicht in das vergangene Geschehen“ (Grossmann 2002, S. 73).

 

Warum das alles?

Eine Bindungssicherheit im Kindesalter ist nicht zwangsläufig ausschlaggebend für die langfristige Persönlichkeitsentwicklung, aber es „(…) ist als Fundament und Vorläufer erfolgreicher späterer Anpassung zu verstehen“ (Hédérvari-Heller 2011, S. 76). Ein achtsamer Umgang mit Menschen jeden Alters ist ratsam, da wir Menschen uns immer entwickeln und die täglichen Kontakte und Begegnungen uns in einer Weise prägen. Sowohl sichere positive Bindungserfahrungen der frühen Kindheit können sich durch unsichere Erfahrungen transformieren, wie auch andersherum.

 

 

 

Siehe auch meinen Artikel Eingewöhnung in der Kita.

 

 

 

 

Literatur:

Dornes, M. (2002): Die Eltern der Bindungstheorie: Biographisches zu John Bowlby und Mary Ainsworth. In: Endres, M./ Hauser S. [Hrsg.]: Bindungstheorie in der Psychotherapie. München (2. Auflage)

Hédervári-Heller, É. (2011): Emotionen und Bindung bei Kleinkindern. Weinheim und Basel

Egeland, B. (2002): Ergebnisse einer Langzeitstudie an Hoch-Risiko-Familien. Implikationen für Prävention und Intervention. In: Brisch, K.-H./ Grossmann, K. E./ Grossmann, K./ Köhler, L. [Hrsg.]: Bindung und seelische Entwicklungswege. Stuttgart

Grossmann, K. (2002): Praktische Anwendung der Bindungstheorie. In: Endres, M./ Hauser S. [Hrsg.]: Bindungstheorie in der Psychotherapie. München (2. Auflage)

Kollmann, Dr. I. (2013): Hauen, beißen, sich vertragen. Umgang mit aggressivem Verhalten 0-bis 3-Jähriger in der Kita. Berlin (1. Auflage)

 

 

 

 

 

 

 

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  1. Hervorragend geschrieben, aber es hat mich eben doch ziemlich traurig hinterlassen als ich daran denken musste wie vielen Kindern das wohl verwehrt bleibt.

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