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Beißen im Kindergarten – wie Kommunikation mit den Eltern gelingt

Mit dem Beißen werden Eltern und PädagogInnen, die mit Kindern im Alter von ein bis drei Jahren zusammen sind, häufiger konfrontiert. Diese Verhaltensweise wird anders als das Schubsen oder Hauen eingestuft. Denn das Beißen kann besondere Spuren hinterlassen, ist überaus schmerzhaft, verheilt langsam und deutet eine besondere Bedrohung an. Die Haut des Gegenübers kann beim Beißen verletzt werden (vgl. Gutknecht 2015, S. 9).
Beißen gehört zu den Verhaltensweisen, die in den meisten Fällen nicht als Störung zu verstehen sind, sondern als Teil der kindlichen Entwicklung.

Wissenschaftliche Definitionen

Die Wissenschaft (nach Jenni/Latal 2009) unterscheidet dabei drei Kategorien:

  • Beißen als Reifungsphänomen,
  • als Entwicklungsvariante oder
  • als Verhaltensstörung.

Beißen als Reifungsphänomen tritt eher im Alter von ein bis drei Jahren auf und nimmt dann wieder ab oder verschwindet (vgl. ebd., S. 9 ff.). Kindern in diesem Alter fehlt die Fähigkeit „der emotionalen Selbstregulation“ (vgl. Shanker 2016, S. 79 ff.). Sie haben häufig eine geringe Impulskontrolle und das Einfühlungsvermögen ist noch nicht oder nur unzulänglich ausgeprägt. Beim Spielen kann ein kleines Kind die Ziele und Gefühle des Mitspielers noch nicht ausreichend verstehen und eigene Bedürfnisse und Spielabsichten verbal nur eingeschränkt ausdrücken.

„Unter einer Entwicklungsvariante versteht man ein Verhalten, dass bei einer gewissen Zahl von Kindern vorkommt und von der normalen Entwicklung abweicht, aber nicht den Charakter einer Störung aufweist (z.B. Stottern, Schüchternheit, Bewegungsstereotypien). Ein Reifungsphänomen ist hingegen ein Verhalten, das bei vielen Kindern während einer gewissen Altersphase auftritt und dann wieder abnimmt oder verschwindet (z.B. Trotzreaktionen oder Trennungsängste). Von einer Verhaltensstörung wird gesprochen, wenn Auffälligkeiten in ihrer Dauer und Intensität so stark sind, dass das Kind wesentlich dran gehindert wird, altersgemässe Entwicklungsaufgaben angemessen zu bewältigen (z.B. Autismus, Bindungsstörung, Aggressivität)“ (Bentz/Stürmlin/Wüthrich 2012, S. 8).

Ein Reifungsphänomen oder eine Entwicklungsvariante kann zu einer Störung werden, wenn die Ansprüche und Vorstellungen der Bezugspersonen/Erwachsenen nicht mit den kindlichen Bedürfnissen und Ausdrucksmöglichkeiten abgestimmt sind. Insbesondere bei einem herausfordernden Temperament ist eine gute Abstimmung wichtig (vgl. Gutknecht 2015, S. 12). Folglich benötigen Kinder Erwachsene, die ihnen bei der Übermittlung, Regulation und dem Ausdruck der Gefühle und Absichten helfen (vgl. ebd., S. 12).

Ursachenforschung

Als Ursachen sind entwicklungs-, umgebungs- und emotional bedingte Ursachen zu nennen. Beißen kann auch ein Ausdruck von Freude sein und bei positiven Gefühlen zum Vorschein kommen. Treten Bisse bei Kindern im Kindergarten auf müssen diese besonders beobachtet und mögliche Stressoren überprüft werden. Einige Kinder sind beispielsweise empfindlicher als andere und reagieren stärker auf Lärm, Licht, grelle Farben und Gerüche (vgl. Gutknecht 2015, S. 32/ vgl. Shanker 2016, S. 11 ff.). Des Weiteren können die Tagesstruktur und Übergänge von einer zu einer anderen Aktivität von Kindern als störend empfunden werden. Die Wechsel von Aktivitäten, Räumen und Bezugspersonen müssen hierbei besonders in den Blick genommen werden, um die Bedürfnislage der Kinder wahrnehmen und berücksichtigen zu können. Gibt es Wartezeiten? Wie ist die Lautstärke beim Essen? Sind sie ausgeruht oder bereits müde?

Im Ernstfall – was tun?

Ist ein Kind in Gefahr, muss dieses immer geschützt werden. Besonders bei „Beißangriffen“ gilt es für PädagogInnen schnell zu sein, um Verletzungen zu vermeiden, zu minimieren und sofort zu stoppen. Klare Worte wie „Nein!“, „Stopp!“ oder „Nimm deine Zähne von … weg“ können helfen (vgl. Gutknecht 2015, S. 59). PädagogInnen mit einer größeren Kindergruppe kennen diese Herausforderung besonders in der Arbeit mit kleineren Kindern sehr gut.

Im zweiten Schritt benötigt das gebissene Kind Trost, eventuelle Wundversorgung und Schutz. Möglicherweise wurde es von dem Schmerz überrannt und hat sich selbst sehr erschrocken. Das Kind, welches gebissen hat, benötigt (am besten parallel) ebenso eine feinfühlige Begleitung. Es konnte sich nicht auf eine andere Weise ausdrücken und zeigte seine Emotionen durch das Beißen.

Da die emotionalen Hirnbereiche viel früher als die kognitiven reifen, wird deutlich, dass wir Kinder in dieser besonderen Stresssituation auch direkter auf der Gefühls- als auf der Vernunftebene erreichen (vgl. Saalfrank, 2017, S. 30 f.). Längere Erläuterungen und Begründungen dringen zu den Kindern in dieser Situation nicht durch. Es gilt somit auf der emotionalen Ebene eine Verbindung herzustellen und die Kinder mit Mimik und Körpersprache anzusprechen (vgl. ebd., S. 32 ff.). Die PädagogIn kann mitfühlen und dennoch ihren Standpunkt klar äußern. Die Sprache muss auf das Sprachverständnis des Kindes abgestimmt sein. Hierbei ist darauf zu achten, Verneinungen zu vermeiden und das Wort „beißen“ nicht oft zu benutzen, da es leicht als Aufforderung missverstanden werden kann. Es empfiehlt sich, die beobachteten Gefühle zu benennen, eventuell zu spiegeln und den Kindern mitzuteilen, was sie zukünftig anstelle des Beißens tun können. Neben dem Trost und der Empathie benötigen die Kinder Lösungsalternativen sowie PädagogInnen, die die Kinder dabei begleiten, andere Wege einzuschlagen und gemeinsam Ziele gewaltfrei zu erreichen (vgl. Gutknecht 2015, S. 45 f.).

Übermittlung an die Eltern

Natürlich ist es von großer Bedeutung für die Eltern des gebissenen und beißenden Kindes, von diesen Vorfällen zu erfahren. Um die „Täter-Opfer-Kultur“ zu vermeiden, sollten die Namen der Kinder nicht benannt werden. In der Regel reagieren Eltern überaus besorgt und emotional. Bei den Eltern der beißenden Kinder stellt sich bei wiederholten Vorfällen womöglich die Frage, wie es dazu kommen kann und ob sie in ihrer „Erziehung“ etwas hätten anders machen können.

Die Eltern des gebissenen Kindes sehen womöglich eine Wunde und fühlen mit ihrem Kind. Der Wunsch nach Unversehrtheit ist verständlicherweise sehr stark und somit stehen Fachkräfte vor der Aufgabe, solche Vorfälle zu unterbinden und bestmöglich und schnell „in den Griff“ zu bekommen. Eltern gehen oft davon aus, dass es sich beim Beißen um ein Verhalten handelt, das mit „professionellem Handeln“ schnell zu beheben ist (vgl. ebd., S. 73).

Es ist ratsam, die Eltern durch Informationen in Elternbriefen, Gesprächen oder Elternabenden über die besonderen Phasen der Entwicklung aufzuklären und ihnen Sicherheit zu vermitteln, dass diese Vorfälle gewissenhaft in der Gruppe/im Team beobachtet werden. Einige Einrichtungen haben diesbezüglich bereits einen Leitfaden entwickelt oder nutzen bestimmte Beobachtungsverfahren, um dieses Verhalten zu analysieren, einen Handlungsplan zu erstellen und mit den Eltern in den Austausch zu gehen. „Je weniger eine Kita an Informationen herausgibt und je inaktiver die pädagogischen Fachkräfte dadurch erscheinen, um so inkompetenter wirken sie dann oft auf die Eltern“ (ebd., S. 73).

Nicht selten entsteht ein Konflikt zwischen Eltern und PädagogInnen, da die Forderungen der Eltern mit den pädagogischen Maßnahmen der Fachkräfte nicht zusammen passen. Wünschen Eltern sich beispielsweise den Ausschluss des Kindes, ein Fernhalten oder Bestrafen, so liegt den Fachkräften mehr daran, das Kind zu unterstützen, damit sich gewünschtes Verhalten ausbilden kann. Daher ist es ratsam, das Thema Beißen wie auch andere Konfliktsituationen immer ernst zu nehmen und mit den Eltern in vorbereitete Kommunikation zu treten. „Die Offenheit der Eltern und die Bereitschaft zur Mitarbeit sind deutlich größer, wenn eine klare Perspektive zu möglichen Vorgehensweisen eröffnet wird“ (ebd., S. 75).

Literatur:
Bentz, C.; Stürmlin, V.; Wüthrich, N. (2012): Verhaltensauffälligkeiten im Kindergarten. Anregung für die Arbeit mit Kindergartenlehrpersonen, den Eltern und dem Kind. Online unter:
https://www.erz.be.ch/erz/de/index/erziehungsberatung/erziehungsberatung/praxisforschung/projekte.assetref/dam/documents/ERZ/AKVB/de/Erziehungsberatung/Praxisforschung/Schriften/EB_PF_Band%2013%20Verhaltensauff%C3%A4lligkeiten%20im%20Kindergarten.pdf, abgerufen am 14.11.2017

Gutknecht, D. (2015): Wenn kleine Kinder beißen. Achtsame und konkrete Handlungsmöglichkeiten. Freiburg im Breisgau

Saalfrank, K. (2017): Kindheit ohne Strafen. Neue wertschätzende Wege für Eltern, die es anders machen wollen. Weinheim Basel

Shanker, S. Dr. (2016): Das überreizte Kind. Wie Eltern ihr Kind besser verstehen und zu innerer Balance führen. München

 

Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung von www.fruehe-bildung-online.de

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