Home Pädagogik erleben „Bitte hör, was ich nicht sage!“

„Bitte hör, was ich nicht sage!“

Von Kathrin

Kinder in ihrer Wut begleiten

Irgendwie scheint es in uns tief verankert – der, der schreit, wütet und tobt, erfährt meist ein wütendes, aufgebrachtes Gegenüber. Kennt ihr das? Ihr seht einen Konflikt unter Kindern und geht tobend dazwischen und fragt euch:

Wie kann Tobias nur immer wieder die Kinder hauen? Warum schubst Alba ständig und wieso kneift Paula, Thomas wollte nur das Buch ansehen.

Konflikte gibt es überall – und das ist auch gut so!

Szenarien auf Spielplätzen und in Kitas, überall wo Kinder bzw. Menschen im Allgemeinen aufeinander treffen entstehen Reibungen, ja gern auch Konflikte. Verbal und gern non-verbal. Kinder machen mit allen Mitteln auf sich aufmerksam und verteidigen ihr Spielzeug, ihr Revier und auch gern ihre Grenzen. Sie spüren ein Bedürfnis und sind darum bemüht, dass dieses für sie Erfüllung findet.

Tobias reagiert immer so aggressiv

Beobachten wir Tobias einen Moment, wie er am Nachmittag im Sandkasten sitzt und mit seiner Spielfigur buddelt. Sein bester Freund Leo nimmt sich diese Figur einen Moment und ohne zu zögern, entreißt Tobias sie ihm und schubst ihn zur Seite. Tobias Mama kommt angerannt und erklärt ihm lautstark, dass das nicht okay sei. Er könne seinem Freund ruhig mal die Figur geben und überhaupt, kann Leo viel besser teilen als er. Etwas überfordert mit der Situation und den beobachtenden Eltern ringsherum, sagt sie zu Tobias, dass sie nur bleiben können, wenn er auch „lieb“ sei.

Hinter den Kulissen

Bei solchen Szenarien handelt es sich meist nur um eine mini kleine Momentaufnahme. Es ist das Szenarium, was auf der Bühne statt findet. ABER wir Erwachsenen sollten stets hinter die Kulissen schauen und den Vorhang einmal bei Seite schieben. Das Offensichtliche täuscht meist und ein Kind was schreit, tobt, haut, schubst, benötigt unsere Unterstützung!

Tobias kooperiert nicht – oder doch?

Tobias ist heute am Ende der Woche schwer aus dem Bett gekommen und war bereits nach dem Frühstück bis nach dem Nachmittags-snack im Kindergarten. Er geht dort ganz gerne hin, auch wenn ihn die Tage manchmal etwas anstrengen. Besonders die häufigen Wechsel, das gemeinsame Händewaschen im Badezimmer, die Anziehzeit in der Garderobe, das Warten am Mittagstisch… Mit ihm sind es 18 Kinder in einer Gruppe und an diesen Tagen ist seine Lieblingspädagogin Kristin krank. Aber weil Mama ja arbeiten muss, bleibt er mit der anderen Pädagogin, Steffanie. Er kennt sie auch schon seit ein paar Monaten. Mama verspricht ihm dafür ihn die Tage bereits gegen 16 Uhr abzuholen. Schade findet Tobias, dass Steffi im Morgenkreis andere Lieder singt und viel kürzer mit den Kindern im Garten bleibt. Zur Ausruhzeit kuschelt Kristin auch immer mit ihm und streichelt seinen Rücken, das mag Tobias. Heute fällt es ihm schwerer zur Ruhe zu kommen, ohne sein Ritual. Aber er freut sich auf den Nachmittag, wenn Mama ihn abholt und sie noch auf den Spielplatz gehen.

Endlich – Mama kommt mich abholen!

Als es dann endlich soweit ist, freut sich Tobias im ersten Moment seine Mama zu sehen und eine Sekunde später findet er einfach alles doof. Er ist erschöpft vom Tag und hat schlechte Laune. Zu gern würde er sagen: „Ach Mama, Kristin war heute nicht da und der Tag war irgendwie anstrengend. Das Mittag nicht lecker und geschlafen hab ich auch nicht gut. Ich bin müde und hungrig und hab das Bedürfnis nach etwas Ruhe und Nahrung.“

Wäre das nicht einfach? Statt dessen nörgelt er beim Anziehen in der Garderobe rum und wird regelrecht wütend, als seine Mama keine Laugenbrezel dabei hat. Wie den Tag zuvor besprochen, geht es nun aber schnell auf den Spielplatz, weil dort schon Tobias Freund mit seiner Mama wartet.

Das Fass läuft über

Dort angekommen setzt er sich in den Sand und beginnt mit seiner Figur zu spielen. Er mag heute einfach nur allein sein und freut sich gar nicht auf Leo. Als ihm dieser dann auch noch zu nah kommt, läuft sein Fass über und er schubst ihn zur Seite. Auch seinem Freunde würde er gern sagen: „Du, Leo, ich bin müde und mag heute einfach etwas allein spielen. Viel lieber wäre ich gerade zu Hause, aber Mama wollte unbedingt noch hier auf den Spielplatz. Bitte lass mir heute etwas Ruhe, morgen spiele ich sicher wieder gern mit dir.“

Statt dessen löst das Nehmen der Figur etwas in Tobias aus und er kann sich nicht mehr zurückhalten. Im Kindergarten hat er bereits heute viele Spiele geteilt und sich auch nicht weiter geärgert, als die kabbelnde Sofie seinen Turm drei mal umschubste. Aber nun kann er sich nicht mehr zurück halten und wird körperlich.

Was Tobias braucht

Kinder, die gewalttätig werden, sind oft Kinder, die nicht gelernt haben zu sagen, was sie wollen.

Juul

Zum einen benötigen Kinder uns Erwachsene, die ihnen dabei helfen die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und für diese einzustehen. Wie im Beispiel beschrieben, so gelingt es Kindern noch nicht von Beginn an, die eigenen Bedürfnisse nach Sicherheit, Ruhe, Nahrung, emotionaler Nähe etc. zu erkennen und entsprechend zu verbalisieren. Und seien wir einmal ehrlich, wie oft fällt es selbst uns schwer, unsere Müdigkeit oder den Hunger zu erkennen und dieses Bedürfnis nach Ruhe und Nahrung zu stillen. Wie oft übergehen wir diese Signale und reagieren später gereizt, wütend und ungestüm. Und meist platzt es aus uns heraus, wenn wir uns in Sicherheit befinden, bei unseren liebsten Menschen, dem Ehemann, der Eltern, den Kindern… So wie bei Tobias, der in der Kita noch super gelaunt schien und plötzlich alles in ihm einbrach. Die Koopartionsbereichtschaft war schlichtweg alle!

Nun verfügen Kinder nicht über diese Reife und Kompetenzen wie ein Erwachsener, dem es selbst auch öfter schwer fällt. Und der noch unreife präfrontale Cortex senkt die Impulskontrolle der Kinder immens. Kinder brauchen unglaublich häufige Unterstützung darin, ihre Bedürfnisse und auch Wünsche zu erkennen und sozial verträglich einzufordern. Am liebsten wäre es uns ja, wenn sie dies immer freundlich, höflich und rücksichtsvoll tun. Aber bis dahin benötigen sie viel Übung, Zeit und vor allem Vorbilder.

Ebenso nicht zu unterschätzen ist das jeweilige Temperament, welches Reaktionen und Verhaltensweisen ebenso beeinflusst. So reagiert Tobias vielleicht schneller und intensiver als Leo, dies zu erkennen und ihre Gefühlsstärke zu akzeptieren, ist ein wichtiger Schritt. Tobias ist nicht damit geholfen, wenn er immer wieder hört, dass er es nicht gut macht, „böse“ ist und zu häufig haut.

Es kann ihm hingegen helfen, seine Gefühle zu spiegeln, Beobachtungen möglichst wertfrei zu benennen. Mit etwas Einfühlungsvermögen wäre beim Abholen sichtbar gewesen, dass er nach der Kita einfach schon sehr hungrig und müde war. Der Spielplatzbesuch und die Verabredung könnte überdacht werden, oder dafür Sorge getragen, dass er Momente der Entspannung erleben kann. An solchen Tagen fällt das Teilen einer geliebten Figur dann einfach schwer.

Eine Umarmung, Kuscheln, Unterstützung, Spielbegleitung können Wunder bewirken wieder gelassener in den Tag zu gleiten und manchmal ist weniger Angebot und Programm auch einfach mehr.

Schimpfen, Drohen, Strafen oder Demütigen ist hingegen keine Hilfe und meist wird dies aus Überforderung und Stress des Erwachsenen eingesetzt. Viele von uns haben dies in der Kindheit erfahren, Sätze wie „man haut nicht, entschuldige dich“ oder „Du bist aber böse“. Geholfen haben diese uns nicht und ungünstigerweise sind diese so tief in uns verankert und brechen in stressigen Situationen aus uns heraus. Aber dagegen kann etwas getan werden. Daher, STOPP ZU STRAFEN. Geht in Beziehung mit eurem Kind!

Also, betrachtet die Welt durch die Augen eures Kindes, schaut was es bereits alles leistet und stärkt ihm den Rücken. Verbalisiert ihre Bedürfnisse und achtet darauf, dass diese erfüllt bzw. nicht zu lange aufgeschoben werden.

Verhält es sich aggressiv, zeigt ihm einen anderen Weg auf!

Berichtet gern einmal von euren Erfahrungen! Ich bin gespannt.

Liebe Grüße,
Kathrin


Der Artikel und Blog gefällt dir und du würdest mein Schreiben gern unterstützen, so kannst du dies gern mit dem folgenden Link tun. Dies ist eine völlig freiwillige Möglichkeit der Spende. Ich möchte weitestgehend auf Werbung verzichten, aber freue mich natürlich über eine kleine Unterstützung als Anerkennung meiner Arbeit! Vielen Dank!





*Affiliate Links


Wie hat dir dieser Beitrag gefallen? Bitte bewerte diesen Artikel zum Abschluss
[Bewertungen: 39 Bewertung: 4.5]
2 Kommentare
2

Related Articles

2 Kommentare

Anja 4. Juli 2019 - 10:59

Du schreibst, man solle seinem Kind nicht sagen „Man haut nicht, entschuldige dich“ oder „Du bist aber böse“. Was soll man stattdessen machen, wenn das Kind haut? Ich sage dann, dass es sich entschuldigen soll. Mir fällt auch nichts ein, was ich stattdessen sagen oder tun könnte.

Reply
Kathrin 4. Juli 2019 - 12:24

Hej, ein kurzes Hallo, das ist nun ein kurze Frage und darauf könnte ich so viel schreiben, antworten.
Entschuligen macht nur Sinn, wenn Kinder auch verstehen, warum bzw. wofür sie sich entschuldigen. Das setzt nun wiederum Empathie voraus und diese lernen sie erst im Laufe der Zeit (2-8 mal ganz grob gesagt). Wird es nun aber erwartet, kann es leicht passieren, dass ein Kind haut, sein Ziel erreicht, z.B. die Schaufel ergattert hat, das Gegenüber weint, das Kind sich mit der Schaufel in der Hand flink entschuldigt und weiter spielt. Aber das ist natürlich nicht Sinn der Sache und ein anderer Lerneffekt.
Begleite die Situation und zeige andere Wege auf. Ich frage gern, „Was wolltest du gerade sagen?“. Sie tun das natürlich aus einer Intention heraus, sie möchten sich mitteilen, auf etwas hinweisen, ihre Grenze aufzeigen, etwas haben etc etc. Sie tun das aber grundsätzlich nie, um jemand anderen zu schädigen, sondern etwas FÜR SICH zu tun.

Ohne Absicht beim anderen Gewalt oder Schmerz zu erzeugen – auch das setzt Empathie voraus. Unterstützen wir die Kinder dabei, ihre Handlungen, Bedürfnisse und Gefühle zu verstehen und diese mit ihnen zu übersetzen, zu entschlüsseln, zeigen wir ihnen: „Ich sehe, höre und verstehe dich. Lass uns einen anderen Weg finden, denn hauen tut weh und das möchte ich nicht!“
Natürlich zeigst du deine Grenze klar auf und teilst mit, dass das nicht okay ist. Aber ohne eine böse Absicht zu unterstellen. Und statt dem Einfordern einer Entschuldigung, unterstütze und begleite ich dabei, dass sich das „geschädigte“ Kind wieder besser fühlt. Ich tröste und manchmal macht das Kind dann mit, streichelt, wenn vom Kind akzeptiert und sorgt sich um das andere Kind. Und wie oft beobachten wir, dass die zwei dann eine Sekunde später wieder gemeinsam spielen, während wir noch ganz aufgewühlt zurückbleiben?

Kannst du damit was anfangen?

Reply

Schreibe was dich bewegt

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.