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Die Entschuldigung im Kleinkindalter – wann ist sie sinnvoll?

Besonders im Kindergarten erleben Fachkräfte viele kleinere und größere Konflikte unter Kindern. Diese werden, besonders unter jüngeren Kindern, überwiegend körperlich ausgetragen. Durch Hauen, Schubsen oder Beißen macht ein Kind seinen Unmut bekannt und/oder erkämpft sich ein Spielzeug. Werden solche Situationen von Erwachsenen beobachtet, sind sie zumeist daran interessiert, dass es den beteiligten Kindern gut geht, der Konflikt verstanden, behoben und geschlichtet wird. Oft stellt das Ende eines solchen Vorfalls eine Entschuldigung der jeweiligen Konfliktparteien dar. Ist das Einüben und Einfordern einer Entschuldigung im Kleinkindalter sinnvoll?

Ein Blick in die kindliche Entwicklung

… ist bei der Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Entschuldigung von Nöten. Piaget lehrte uns, dass Kinder in den ersten drei Lebensjahren egozentrisch denken, fühlen und wahrnehmen. Das Kind sieht sich als Mittelpunkt der Welt. Kinder beginnen erst im dritten Lebensjahr Anteil an anderen Personen zu nehmen. Sie gehen zuvor davon aus, dass ihre Sicht auf die Welt, ihre Gedanken und Gefühle alle anderen verstehen (vgl. Largo 2010, S. 126). So ist es für sie selbstverständlich, dass ihr eigener Wunsch nach einem Spielzeug dem Gegenüber bekannt ist. Kindern in diesem Alter fehlt die Fähigkeit „der emotionalen Selbstregulation“ (vgl. Shanker 2016, S. 79 ff.). Sie haben häufig eine geringe Impulskontrolle und das Einfühlungsvermögen ist noch nicht oder nur unzulänglich ausgeprägt. Beim Spielen kann ein kleines Kind die Ziele und Gefühle des Mitspielers noch nicht ausreichend verstehen und eigene Bedürfnisse und Spielabsichten verbal nur eingeschränkt ausdrücken (vgl. Gutknecht 2015, S. 12). So kann es dazu kommen, dass ein Kind sich sein Spielzeug kraftvoll nimmt. Verletzt oder stört es dabei ein anderes Kind, kann es im jungen Alter die Reaktion (Bsp. Weinen) des Gegenübers nicht auf das eigene Verhalten zurückführen. Es kann auch noch nicht verstehen, dass das verletzte Kind Schmerzen erleidet.

Erst durch die Erlangung der Perspektivübernahme kann ein Kind die Wünsche, Absichten und Gedanken des Gegenübers verstehen und sich in diese hinein versetzen. Erklären wir also einem dreijährigen Kind die Situation, werden wir damit keine Veränderung im Verhalten erzeugen, da dies sein Verständnis noch überfordert. Es ist für diese Einsicht noch nicht reif.

Entschuldigung von kleinen Kindern einfordern?

Daher ist es nicht sinnvoll, von Kindern unter vier Jahren eine Entschuldigung zu erwarten, wenn es die Perspektive des Anderen noch nicht einnehmen kann. Es kann den zugefügten Schaden nicht verstehen. Und auch an dieser Stelle sei daran erinnert, dass sich jedes Kind in seinem Tempo entwickelt und die Entwicklung der Empathie und Perspektivübernahme ein langjähriger komplexer Prozess ist.

Fordern wir von Kindern in diesem Alter eine Entschuldigung, so ist diese für sie noch ohne Sinn und wird bei Wiederholung floskelhaft eingesetzt. Häufig sind wir Erwachsenen/Fachkräfte es, denen es dann besser geht, sobald sich der „Täter“ beim „Opfer“ entschuldigt hat.

Kinder benötigen liebevolle Vermittlung

Kinder sind in einer Konfliktsituation großem Stress ausgesetzt und verhalten sich eher kopflos. Die Emotionen überschatten jegliche kognitive Fähigkeiten. Es ist ratsam, die Situation zu unterbrechen und aggressives Handeln zu unterbinden. Ein solcher Konfliktfall benötigt einfühlsame und ruhige VermittlerInnen, die den Kleinsten das erwünschte Verhalten vorleben.

Kinder lernen es sich zu entschuldigen, wenn sie kognitiv und emotional in der Lage sind. Zum anderen benötigen sie Erwachsene und größere Kinder, die ihnen das Trösten, gegenseitige Helfen und Entschuldigen vorleben.


Literatur:
Gutknecht, D. (2015): Wenn kleine Kinder beißen. Achtsame und konkrete Handlungsmöglichkeiten. Freiburg im Breisgau
Largo, R. (2010): Babyjahre. Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren. München
Shanker, S. Dr. (2016): Das überreizte Kind. Wie Eltern ihr Kind besser verstehen und zu innerer Balance führen. München

Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung von frühe Bildung online

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