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Die Zeit nach der Eingewöhnung „Ich will nicht!“

Von Kathrin

„Ich will nicht in die Kita! Mama, bitte bleib!“

Die Eingewöhnungen einiger Sommerkinder sind weitestgehend abgeschlossen. Für uns, nach nun einigen Wochen in der neuen Kita startet der Alltag wieder. Für mich als Mutter bedeutet das, ich kann mich wieder ganz und gar auf die Arbeit konzentrieren und dem Fluss des Alltags folgen.

Aus Sicht der Erwachsenen

Das dachte ich zumindest. Aus meiner Perspektive sah es wie folgt aus: Das Kind wird am Morgen gebracht, freut sich, da nun alles weitestgehend bekannt ist. Die Kindergruppe ist nicht mehr neu und erste kleine Freundschaften/Bekanntschaften haben sich geschlossen. Zumindest nennt sie zu Hause alle Namen und singt fleißig die Lieder nach. Auch die Abfolgen sind klar, sie weiß, was kommt nach dem Morgenkreis, dem  Frühstück etc. und findet in der Regel ihre Sachen, die Toilette und verliert erste Spielsachen und Socken. Klingt nach einem gewöhnlichen Kita-Alltag. Sie lässt sich von ihren „Pädagoginnen“ trösten und erzählt von ihnen zu Hause gern und in der Regel klingt das alles immer sehr harmonisch. Gut denk ich, problemlos und easy.


Aus Sicht des Kindes

Die Eingewöhnung lief normal, normal in dem Sinne, dass sie die Phase des Kennenlernens abgeschlossen hat und Vertrauen zu ihren PädagogInnen aufbauen konnte. Sie freut sich auf das Spielen, Singen und Basteln und lässt sich von ihren lieben Begleiterinnen trösten.

Doch plötzlich nach den ersten „leichten“ Wochen, spüre ich beim Betreten der Kita an manchen Tagen eine Verkrampfung. Beim Lösen krallt sie sich plötzlich fest und will, dass Mama oder Papa bleiben. „Hach, Mensch, schade!“ denke ich und verkrampfe ebenfalls. Mein Plan war doch ein anderer und ich spüre den Zeitdruck im Nacken. Eigentlich müsste ich doch schon in 3 Minuten an einem anderen Ort sein und meinen Pflichten folgen. Und nun? Was ist los?

An einigen Tagen geht die Ablösung dann doch leichter und sie lässt sich motivieren, an anderen kullern Tränen und sie geht erst etwas später spielen und an anderen scheint sie traurig und möchte einfach in den sicheren Hafen zurück. Nach Hause, zu Mama, zu Papa, auf den Arm.


Was ist da los?

Nun könnte man sich aus erwachsenen Sicht wieder fragen, sie ist doch „schon groß“, eigentlich eingewöhnt, da sie zuvor regelmäßig eine andere Kita besuchte und kam doch so gerne.

Aber eben jeder Neubeginn, jeder Übergang, jede Transition ist anders und erzeugt u.U. Ängste und Sorgen, löst neue oder/und altbekannte Gefühle aus.

Einige fragen sich: Möchten die Kinder die Grenzen testen, wissen, wie Mama und Papa reagieren? Möchte sie herausfinden, wie lange Mama noch bleibt und ob einer sie vielleicht doch wieder mitnimmt oder gar wie in der Eingewöhnung wieder mit in den Raum geht?
Ich höre auch Eltern sagen, dass Eingewöhnungen es den Kindern schwerer machen, da sie sich an die Präsenz der Eltern gewöhnen! Aber NEIN, Kinder benötigen diese, bis sie ausreichend Vertrauen und Sicherheit aufbauen konnte – das ist nicht verhandelbar! Und Kinder können nur explorieren, lernen, wen sie sich wohlfühlen!


Übergänge bedeuten…

Kinder begegnen in diesen Zeiten so vielen Entwicklungsaufgaben und stehen vor einem Berg an Neuem. Zu Beginn kann ihnen dies Angst machen und sie einschüchtern, aber auch Neugierde wecken, den Reiz auf Neues entfachen.
In der Regel geben sich besonders zu Beginn alle Erwachsenen besonders viel Mühe und nehmen sich ausgesprochen viel Zeit. Den Kindern wird in Übergängen einiges abgenommen, bei Regeln werden gern mal beide Augen zugedrückt- denn das neue Kind soll sich wohlfühlen.
Die Übergaben werden besonders sensibel gestaltet und die Kinder so früh wie möglich abgeholt. Das fühlt sich sicherlich, trotz neuer, herausfordernder Situation okay an, für das Kind. Sie spüren, dass trotz Veränderung die eigenen Bedürfnisse im Fokus stehen.

Doch dann kommt der Alltag. Kinder werden normaler, auch mal hektischer in den Tag gebracht. Ich als Mutter sehe auch mich und meine Pflichten wieder verstärkt im Fokus und gehe in die Normalität über. Nach der Kita folgt nicht immer eine spezielle Zeit, denn ich hetze auch mal in den Supermarkt, arbeite im Beisein der Kinder meine To-do-Liste ab. Großartig, denke ich, es läuft!

Bis mein Kind mir ein großes Stopp Zeichen vor die Nase hält, zu Hause und in der Kita ein anderes Verhalten aufzeigt. Anstrengend auf den ersten Blick. Herausfordernd auf den zweiten und auf den dritten Blick macht es mich traurig und nachdenklich.



Anderes Verhalten bedeutet für uns hinzuschauen und uns einzufühlen. Wir tragen die Verantwortung dafür, dass es unseren Kindern gut geht. Sie möchten immer kooperieren und es uns so einfach wie möglich machen. Tun sie es nicht, dann, weil sie es nicht können, weil etwas ihnen zu viel ist. Wir müssen hinschauen und ggf. etwas verändern.

Ich spüre, ich muss wieder langsamer laufen und mich auf mein Kind stärker einstellen. Ihr Tempo im Blick behalten und spüren, wo sie steht.


Dem Kind wird womöglich klar, dass das mit der neuen Kita nun täglich so ist und das aufregende auch anstrengende Phasen mit sich bringt. Neue Menschen erwarten Dinge, die sie kann, aber ihr nicht immer leicht fallen. Das Leben in einer Gruppe bringt nicht nur Freundschaften, sondern auch Reibungen und Konflikte mit sich. Sie vergleichen sich und sie werden verglichen. So viele Dinge und Momente sind einfach „anders“ und das kostet immens viel Kraft.

Meist haben die PädagogInnen auch mehrere Eingewöhnungen und teilen ihre Aufmerksamkeit auf mehrere Kinder auf. Der Kita-Alltag bringt auch zeitweilige Abwesenheiten der BezugspädagogInnen aufgrund von Pausen, Teamsitzungen, Krankheiten, Fortbildungen mit sich. Und aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwierig für einige Kinder selbst der Gang zur Toilette ist – plötzlich ist der oder die BezugspädagogIn weg.

Nach einer Zeit der Eingewöhnung reagieren die PädagogInnen nun auch konsequenter und achten auf das Einhalten von Regeln. Die Gruppe muss „funktionieren“ und es bleibt nicht immer genug Raum für Individualitäten.
Der Kita-Alltag kann an einigen Tagen viel Trubel, Schnelligkeit und Umbrüche mit sich bringen. Das ist so und daran muss man sich erst gewöhnen. Das ist für das Kind echte und harte Arbeit. (Von wegen, Kinder spielen nur…)


Ein Blick auf mein Kind

Mein Kind bleibt stehen, weint, haut, spuckt und sagt uns:
„Guckt was ich leiste, seht wo ich bin und fühlt was ich fühle. Ich sehe was ihr erwartet und höre was ich alles tun soll – oft schaffe ich das, aber an einigen Tagen gelingt es mir gar nicht. Ich weiß nicht warum. Es ist alles so anders, neu und die Tage sind lang.“

„Ich sage am Morgen Tschüss und gehe in die Gruppe, dann singe ich im Kreis und sitze still. Danach bastel ich oder spiele, gehe in die große Turnhalle oder in den Garten. Beim Frühstück hole ich allein meine Tasche, wasche meine Hände. Ich warte jeden Tag oft, bis ich an der Reihe bin. Es gibt anders als zuhause in dem riesigen Bad vier Waschbecken, aber es gibt so viele Kinder. Dann setze ich mich an den Tisch und esse. Manchmal ist der Platz neben meinen neuen Freunden schon belegt und ich suche einen anderen. Ich darf erst anfangen, wenn alle da sind. Nach dem Frühstück ziehe ich meine Schuhe an, allein, so wie die Großen. Danach gehe ich in den Garten und spiele. Manchmal ist es mir aber zu voll, dann bleibe ich lieber ganz eng bei meiner Pädagogin. Der Tag ist lang und Mama, manchmal fehlst du mir und ich warte, bis du mich abholst…“


Zuhause reicht dann an einigen Tagen die Kraft nicht mehr. Alle Reserven sind schon vom Tag in der Kita aufgebraucht. Sie will einfach machen was sie will. Ohne Regeln, Verbote und einfach Nutella zum Abendbrot, nach dem Essen auf den Spielplatz und am besten trotz Müdigkeit wach bleiben. Auf ein Nein von uns folgt ein lautes Schreien, Toben und Hauen. Ich reagiere abhängig vom Tag mal ruhig oder ungeduldig.


Ich sehe sie an und halte inne, atme ein und aus und versuche zu verstehen was sie sagt:

„Haltet mich fest und habt mich lieb, so wie ich bin. Ich brauche Zeit und verstehe selbst nicht was hier alles passiert. Ich kann euch noch nicht genau sagen, was ich fühle, aber es muss raus, laut, wild und ungefiltert. Bitte versteht mich und helft mir, seid da, einfach nur da! Nehmt mich in den Arm. Mit euch schaffe ich das!“


Schaut euer Kind also mit offenem Herzen an – sehr was es leistet, was es alles kann. Es geht gern mal drei Schritte vor und gleichzeitig fünf Schritte zurück. Es ist normal, es ist okay und es ist gut wie es ist. Es benötigt Sicherheit, Verständnis, Vertrauen und ganz viel Liebe. Seid klar, präsent und nachsichtig. Gemeinsam schafft ihr diese Phasen und geht daraus gestärkt hervor.

Lest auch den Artikel über Eingewöhnung nach dem Berliner Eingewöhnungsmodell


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