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Erinnerungen, Prägungen und unsere inneren Anteile – schaut hin!

Von Kathrin

Unsere Kindheit ist ein Teil von uns, er lebt weiter und meldet sich von Zeit zu Zeit. Als unser inneres Kind – mal ist es ganz leise, mal schreit und wütet es ganz laut! Es möchte gesehen werden, versteckt es nicht, schaut und fühlt hin!

Eine Geschichte

Der Wecker klingelt, es ist noch dunkel und sehr früh. Ein kleines Mädchen zieht sich im Halbschlaf an. Manchmal wird es auch angezogen, wenn es zu müde ist. Es schlürft in die Küche. Musik spielt leise und es wartet ein kleines Frühstück auf sie. Alles ist gut strukturiert, denn viel Zeit bleibt nicht, bis es in die Krippe geht.

Sie erkennt ein Lied, das kommt öfter um diese Zeit am Morgen. Die Mutter hat es eilig, denn der Dienst im Krankenhaus beginnt pünktlich. Gleitzeit gibt es nicht. Sie versucht dennoch alles in Ruhe zu machen und es den Kindern den bestmöglichen Start in den Tag zu ermöglichen.

Aber für Trödeln ist keine Zeit, denn um 6 Uhr in der Früh müssen sie in der Krippe sein. Eine Stunde dauert dann der Weg zur Arbeit.

Krippenpädagogik Ende der 80iger

An der Tür wird das kleine Mädchen übergeben. Sie fühlt, dass sie nicht möchte, sie möchte nicht dorthin, aber es bleibt keine andere Wahl. Montag bis Freitag Krippe/Kindergarten von 6 bis circa 17 Uhr. Es geht hinein und taucht in der Gruppe unter. Alles ist dort klar geregelt. Der Tagesablauf, die Anforderungen an die Kinder, in einer Tabelle steht, was ein Kind in welchem Alter können muss. Daran wird gearbeitet – in der Gruppe, kommun. Sie lernt sich anzupassen, lieb und brav zu sein. Sie möchte nicht auffallen und auch auf keinen Fall einen Moment im Mittelpunkt stehen, weil sie etwas „falsch“ oder gar „anders“ macht als die anderen. Sie zieht den Kopf ein, damit keiner mit ihr schimpft, sie bestraft, sie aufruft. Andere, die dies tun stehen in der Ecke oder sitzen am Tisch.

Sie erinnert sich an einen Tag, an dem sie einen Kran malt. Sie mochte Kräne sehr, sie faszinierten sie. Ihren mochte sie an diesem Tag besonders. Als sie das Bild zum Trocknen auf das Regal legen möchte, bleibt die Erzieherin stehen und sagt „ein Kran ist nicht bunt“.

Es trifft sie. Ein Schmerz durchfährt ihre Glieder und sie spürt wie Tränen aufsteigen. Aber weinen war keine Option, sie würde auffallen. Sie schluckt sie runter. Ihr gefiel ihr Kran sehr, aber sie beschloss in Zukunft die Dinge so zu malen, wie andere sie sehen. So wie die Realität ist, nicht bunt.

Sie wollte nicht anders sein, sie konnte nicht anders sein. Sie war wie alle!

Was ihre Lieblingsfarbe sei, fragt man sie Jahre später? Sie weiß es nicht. Bestimmt die Farbe, die die meisten wählen.

Einen Tag im Kindergarten fühlte sie sich schlecht, krank, besonders unwohl. Sie hielt brav durch und saß im Kreis, aß Mittag, legte sich auf die Holzliege, ging in den Garten. Sie behielt ihr Leid für sich, wollte bloß nicht auffallen, bis sie abgeholt wurde.

Den Erzieherinnen traute sie sich nichts zu sagen. Irgendwie ging es schon. Sie wusste, sie schafft das. Sie schaffte viel. Sie war tapfer, kontrollierte ihre Emotionen. In der Regel blieb sie 11 Stunden in der fremden Krippe/Kindergarten. Es ging mit der Arbeit der Eltern nicht anders.

An diesem Tag aber brach sie nach dem Abholen zusammen und legte sich direkt auf einen Sandhügel auf dem Weg nach Hause. Die Kraft war aufgebraucht, sie war krank. Sie kam ins Krankenhaus, ein paar Tage. Sie blieb da allein und wurde von ihren Eltern am Abend zum Sandmann täglich besucht. So war das damals und so wurde es gemacht.

Lese ich diese Zeilen, so denke ich: „Oh wie traurig. Wie schwer es für so ein Kind sein muss in dieser Weise zu funktionieren!“

Das sind alles Erinnerungen an eine Kindergartenzeit, Ausschnitte m-e-i-n-e-r Kindheit.
Dazu kommen noch ein paar Gefühle – ein Drücken in der Brust, ein Gefühl des Durchhaltens, der Ohnmacht.

Ausschnitte meiner Kindheit

Es waren die Jahre 1984 bis 1989 in der DDR in Berlin. Es war damals so und das System ließ wenig Spielraum.

Nun viele Jahre später stolpere ich über diese Erinnerungen. Dieses Mädchen was tief versteckt in mir wohnt, sucht sich immer mal wieder eine Tür und klopft von innen an. Meist möchte es nicht gesehen werden und bleibt unbemerkt.

Es hatte gelernt die eigenen Bedürfnisse zu überhören und alles nach den Anforderungen der Gesellschaft brav zu erfüllen.

Krippenpädagogik 2000

Plötzlich steht sie 20 Jahre später in einer Kita und begleitet eine Kindergruppe im Schlafraum. Durch Zufall machte sie dort ein Praktikum. Den Kindern werden Decken über den Kopf gezogen und sie werden ermahnt ruhig zu sein. Ein Kind, welches sich nicht beruhigen kann, schläft im Gitterbett in der Kammer.
Einen Tag weint es so doll, bis es erbricht. Bemerkt wurde dies erst, als die Schlafenszeit vorüber war. Schließlich wolle sie mit dem Weinen ja nur Aufmerksamkeit. Also ging niemand zu ihr.

Das kleine Mädchen in mir zeigt sich, weint, rebelliert, aber ganz leise. Es sagt, dass das so nicht sein darf und fordert mich auf, etwas zu verändern. Aber am besten ohne aufzufallen. Ganz lieb und höflich, ohne Krawall, ohne, dass jemand etwas Schlechtes über sie sagen/denken könnte.

Der Weg geht weiter…

Es studierte u.a. Kindheitspädagogik, liest Fachbücher, tauscht sich aus und reflektiert Tag für Tag.
Sie möchte es anders machen, einen Ort für Kita-Kinder kreieren, der sich gut anfühlt, in dem Kinder lieb, böse, wütend, laut, leise, schnell, langsam sein können.

Visionen

In dem ein Kind die Möglichkeit hat zu wachsen, zu sein, ohne bewertet zu werden. Wo es gute und schlechte Tage geben darf, bei allen in der Gemeinschaft.
Ein Ort, in dem auch ein Pädagoge mal wütend ist und sich entschuldigen kann. Ein Ort, in dem es Menschen gibt, die eine Geschichte haben und Visionen.

Ein Ort, in dem mit Fehlern freundlich umgegangen wird und in der Gewaltfreiheit das Ziel ist. Ein Ort, an dem das Hauen eines Kindes NICHT mit Macht bezwungen wird, sondern mit Verständnis und gemeinsamem Lösungen.

Das Mädchen möchte aufstehen und dafür kämpfen, dass Kinder sich zeigen dürfen.
Dafür, dass Kinder das Recht haben, Kind zu sein. Sie weiß wie es richtig läuft, theoretisch weiß sie ganz viel.

Unsere inneren Anteile

Und dann kommen Momente, Situationen, in denen alte Muster aus ihr herausbrechen. Schmerzliche alte, olle Muster. Aber sie gehören zu ihr. Da wohnt neben dem traurigen Mädchen in ihr noch so ein lauter gefährlicher Löwe. Manchmal zeigt er sich mit all seiner Macht und mit all seiner Stärke.
Er zeigt sich da, wo er sich am wohlsten fühlt und schädigt die, die das Mädchen am meisten lieben. Er möchte anderen Angst machen, verletzen und das kleine Mädchen vor weiteren Schmerzen beschützen. Der Löwe bewertet, verurteilt, straft und beschämt. Das kann er gut, das ist seine Aufgabe.

Wir haben alle solche Anteile in uns und das ist okay, das ist normal. Wir alle tragen eine Geschichte und haben Verletzungen, Wunden, Narben.

Manchmal schmerzen sie lange nicht, manchmal hingegen sehr doll. Wir nutzen oft große Pflaster und Verbände, um sie zu verdecken. Manchmal auch viel Medizin.

Es hilft kurz, aber es heilt nicht. Es braucht mehr als das.

Es hilft zu verstehen, es hilft zu vergeben und am meisten hilft es, wenn wir trösten. Dahin zu spüren, wo es schmerzt, anzuhalten, innezuhalten, und all die Anteile in uns zu akzeptieren.

Sie sind da und das Verschließen der Türen macht sie nur trauriger. Suchen wir uns Löwen, Polizisten oder andere gewaltigen Beschützer oder Bodyguards, die unser inneres Kind vehement und mit aller Macht verstecken, stecken wir fest im Teufelskreis. Wir kommen nicht raus, wir verrennen uns nur immer weiter und tiefer.

Es braucht etwas anderes:

  • Es braucht Mut hinzu spüren,
  • es braucht Kraft aufzustehen,
  • es braucht Verständnis für seine Gefühle und Fehler,
  • es braucht Zeit zum traurig sein, zum Wachsen,
  • es braucht Vertrauen, um auch mal gegen den Strom zu schwimmen,
  • es braucht Verbundenheit und Sicherheit, um sich zu trauen,
  • es braucht Vergebung, um sich zu lösen,
  • es braucht Unterstützung und Ermutigung,
  • es braucht Liebe, Liebe und nochmals Liebe!

Es braucht so viel und doch gleichzeitig so wenig! Es geht auch in kleinen Schritten und ich sehe anhand so vieler Menschen, dass wir uns bewegen, uns in die Augen blicken und alte Hüllen fallen lassen!

Kinder brauchen Liebe und wir manchmal ganz viel Trost, Fürsorge, Verständnis, um unserer wichtigen Rolle gerecht zu werden. Es ist unsere Verantwortung. Es ist unsere Aufgabe! Schaut nicht weg! STEHT AUF!


Wie geht es euch? Hinterlasst mir einen Kommentar, ob ihr ähnliche oder gar andere Erfahrungen habt und wie ihr diesen begegnet!

Liebe Grüße,
Kathrin


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