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Geheimnisse und ihre Auswirkungen auf die Kinderpsyche – Gastbeitrag von Gundula Göbel

Von Kathrin

Copyright Uli Stöckel

Gastbeitrag von Gundula Göbel

Unser Leben birgt viele Geheimnisse; manche haben mit dem Tod zu tun, andere damit, sich verantwortlich oder schuldig zu fühlen.  Belastende Geheimnisse können zu kindlichen Depressionen, Verhaltensproblemen wie Trennungsangst, Schlafproblemen, Aggressionen oder Ängsten führen. Oftmals war das Mitteilen eines Geheimnisses der Schlüssel, um dem Leben wieder vertrauen und lachen zu können.  

Kinder ab ca. 4 Jahren trauen sich oft nicht, ihr belastendes Geheimnis zu erzählen; sie fürchten unbewusst, die Zugehörigkeit und die emotionale Verbundenheit zu verlieren. Die Gefahr, emotional ausgeschlossen oder nicht mehr lieb gehabt zu werden, die Angst vor Bestrafung oder davor, Mama oder Papa traurig zu machen, ist fast unerträglich. Wenn Kinder glauben, auch noch schuld zu sein, dann kommt oftmals Scham dazu und zwingt Kinder innerlich zum Schweigen.

Kinder und Geheimnisse

Um sich dem Thema Geheimnisse und die Auswirkungen auf die Kinderpsyche zu nähern, müssen wir verstehen, was für Kinder überhaupt Geheimnisse sind.

Gute oder schöne Geheimnisse sind für Kinder ein wichtiger Entwicklungsschritt; er ermöglicht Kindern, in ihrer Welt Autonomie und Abgrenzung zu entwickeln. Das Wort Geheimnis kommt aus dem Lateinischen und bedeutet u.A. verbergen, gesondert, einsam oder heimlich. Bis zu ca. 3 Jahren gehen Kinder meist davon aus, dass Mama oder Papa ohnehin alles von ihnen weiß oder wissen darf. Noch ist es für Kinder ganz schwer, überhaupt ein Geheimnisträger zu sein. Das  zunehmend zu beobachtende Ins-Ohr-Flüstern hat im Kindergartenalltag eine große geheimnisvolle Bedeutung.  Erst mit 4-5 Jahren haben fast alle Kinder eine Idee davon, was ein Geheimnis ist, denn es gibt immer mehr gute Geheimnisse wie ein selbstgebasteltes Geburtstagsgeschenk, einen Zaubertrick, versteckte Schätze oder Heimlichkeiten untereinander.

Es gibt aber auch belastende Geheimnisse (Worte oder Geschehnisse, die nur dem Kind oder wenigen anderen bekannt sind), diese können sich auf die Kinderpsyche negativ auswirken.  Auch schon kleine Kinder fühlen sich verantwortlich für die Gefühle der Eltern und dadurch auch für belastende unterschiedliche Situationen. Die Auswirkungen von belastenden Geheimnissen hängen eng mit dem Entwicklungsstand des Kindes, seiner Bindung zu den Elternteilen sowie der Schwere des Geheimnisses zusammen. Schlimme Geheimnisse verunsichern Kinder oder verletzen ihre Psyche, da sie dafür keinerlei Bewältigungsstrategien kennen.

Einige mögliche belastende Geheimnisse für ein Kind können sein:

  • Sich für den Tod eines Elternteils, Geschwisterkindes oder Freundes verantwortlich zu fühlen (viele Kinder denken, weil sie mit Vater oder Mutter gestritten haben, ist er oder sie schlimm erkrankt oder gestorben),
  • zu glauben, es hätte auf das Geschwisterkind, den Freund oder die Freundin aufpassen müssen,
  • zu denken, es selbst sei der Grund für Streitereien der Eltern und damit auch für deren Trennung oder Scheidung,
  • sich verantwortlich zu fühlen für kleine oder schwere Unfälle/Krankheiten,
  • Grenzverletzungen, sexuelle Übergriffe aller Art zu erleben und zum Schweigen gezwungen werden,
  • zu glauben, es hätte etwas verändern können, wenn es sich getraut hätte, etwas zu sagen oder einzugreifen (gerade bei Gewalt in der Familie mit Folgen wie z.B. schweren Verletzungen oder Tod eines Familienmitglieds),
  • sich verantwortlich zu fühlen für das Weglaufen oder Sterben eines Haustieres,
  • Krieg, Gefangenschaft oder Flucht.

    Diese und andere möglichen Geheimnisse bewirken in Kindern ganz unterschiedliche Gefühle. Schöne Geheimnisse lösen bei Kindern Gefühle von Stolz, Freude, Aufregung und Leichtigkeit aus, belastende Geheimnisse dagegen Angst, Scham, Wut, Traurigkeit oder ein Gefühl der Schuld.

Das Bilderbuch „Mein Geheimnis“, eine Geschichte über ein schlimmes Geheimnis eines Kindes, kann helfen, mit Kindern über Geheimnisse ins Gespräch zu kommen oder durch die beschriebene Geschichte Kinder zu trösten. Denn nichts ist für Kinder schlimmer, als ihr Leben lang ein belastendes Geheimnis in sich zu tragen.

Bilder: Uli Stöckel

Was kann helfen?

Bei Gesprächen oder im Umgang mit Kindern, deren Elternteile schwer erkrankt oder verstorben sind, können erwachsene Begleiter/Begleiterin durch ihre innere und äußere Haltung dem Kind gegenüber sehr hilfreich sein:

  • Offenheit: Alles, was das Kind erzählt und an Gefühlen zeigt, darf sein.
  • Die eigene Bereitschaft für das Thema Geheimnisse prüfen: Nur dann kann das Kind begleitet werden und erfährt notwendigen emotionalen Halt und Unterstützung.
  • Keine Erwartungen stellen: Manche Kinder sprechen plötzlich über andere Themen, z.B. über Bäume oder über ein verstorbenes Tier; das Kind zeigt uns seinen Weg. Hier gilt es, einfach da zu sein, zuzuhören, zu begleiten und im Tempo des Kindes mitzugehen.
  • Ein Buch zum Thema vorlesen und Gedankenaustausch anbieten: So ermöglicht man dem Kind, sich mit einem eigenen Geheimnis auseinanderzusetzen – wann auch immer. Zeit zu geben, ist eine Kunst und beinhaltet Vertrauen.
  • Es entstehen evtl. keine Gespräche über das eigene Geheimnis, sondern über Tod, Schuldgefühle, sich verantwortlich fühlen oder auch ganz andere Inhalte. Alles ist erlaubt.
  • Keine Bewertungen der Geheimnisse, der Gefühle und der Person.

Kann ich schon mit einem Kind über Verantwortung, Angst, Schuld sprechen?

Ganz klar ja. Wenn es aber Kindern emotional zu viel ist oder das Thema zurzeit nicht dran ist, dann sprechen sie bis zum Schulalter plötzlich über ganz andere Themen. Kinder wissen sehr gut, womit sie sich wann auseinandersetzen können. Diese Grenzen sollten immer akzeptiert werden.

Möglichkeiten, Geheimnisse zu verarbeiten

  • Malen: Kinder können beim Malen ihre Gefühle ausdrücken, bei starker Belastung des Kindes kann auch eine Maltherapie sehr hilfreich sein. Geheimnisse oder belastende Gefühle können von vielen Kindern oftmals nicht in Worte gefasst werden, da das Gefühl von Scham und Schuld sie sprachlos hat, werden lassen.
  • Tanzen, Bewegung, Musik: Gerade für jüngere Kinder kann der Ausdruck der Sorgen in der Bewegung ohne Worte sehr heilsam sein. Aber auch diese Form des Ausdrucks braucht verlässliche und nicht wertende Begleitung.
  • Theater: Gerade in der Palliativ- und Hospizarbeit kann das Theaterspielen für Kinder eine wunderbare Möglichkeit werden, um das Geheimnis mitzuteilen. In der Form des Übertragens auf die zu spielende „Rolle“ können belastende Gedanken ausgesprochen werden. Auch im Theaterspiel braucht das Kind bei der eventuellen Mitteilung des Geheimnisses einen wertungsfreien Raum und eine Hilfestellung.
  • Kreativität: Durch die Gestaltung mit Ton, Holz, Knete, Farben, Stimme etc. können Geheimnisse einen Ausdruck, eine Gestalt bekommen. So werden manche Sorgen annehmbar, veränderbar, gestaltbar und bearbeitbar.

Im Bereich der Palliativ- und Hospizarbeit ist zu bedenken, dass Kinderseelen sehr verletzlich sind. Trennung oder Tod von geliebten Menschen sind für Kinder fast immer verbunden mit Verlustangst und tiefer Verunsicherung ihres Urvertrauens.  Ihre eventuell aufkommenden Gefühle von Wut, Hilflosigkeit und Traurigkeit müssen durch verlässliche Begleitung ausgehalten werden.

Belastende Geheimnisse, Auswirkungen auf die Kinderpsyche

Alles, was Kinder an belastenden Geheimnissen nicht nach außen bringen dürfen, kann sie krank machen, da es dann keinen Weg für sie gibt, Gefühle von Schuld, Scham und Traurigkeit auszudrücken und zu reflektieren.

Wenn Kinder Geheimnisse emotional in sich wegschließen, sind sie in ihnen, beeinflussen ihr Leben und verhindern oftmals ein Abschiednehmen beim Sterben eines geliebten Menschen.

Dies erschwert die so entscheidende Trauerzeit und das Trauern mit guten Erinnerungen und mit Liebe. Dennoch haben auch Kinder ein Recht, Geheimnisse für sich zu behalten. Erwachsene sollten alles tun, dass Kinder sich nicht schuldig fühlen. Kindern darf nicht durch das Auferlegen eines Geheimnisses ihre Unbeschwertheit genommen werden.

In meiner Praxis erlebe ich die große Bereitschaft von Kindern, über ihre belastenden Geheimnisse zu sprechen oder sie im Spiel mitzuteilen; sie brauchen Vertrauen, Zeit und keinerlei Bewertungen. Ihre Entlastung ist im ganzen Körper sichtbar. Oft können sie danach erst über die verstorbene Person sprechen, zum Friedhof mitgehen oder schwerkranke Elternteile im Krankenhaus oder im Hospiz besuchen.

Zur Person

Kinder und Jugendlichen Psychotherapeutin, EMDR-Traumatherapeutin, Autorin                              
Poststraße 10
21244 Buchholz
Tel.: 04181/ 9423977
www.gundula-goebel.de

Und auch ich habe auf dem Blog bereits über die Materialien von Gundula Göbel berichtet. HIER könnt ihr mehr erfahren!


Fortbildungsangebot: „Kindertrauer – erkennen, verstehen, begleiten“

In der täglichen therapeutischen Arbeit von Gundula Göbel und in der pädagogischen Arbeit von Uli Stöckel wird die emotionale Not von Kindern in Trauer deutlich. Viele Erwachsene, darunter auch Fachkräfte, empfinden betroffenen Kindern gegenüber eine große Angst oder Hilflosigkeit. Sie wünschen sich Informationen, wie sie mit Kindern angemessen Gespräche führen können, und möchten diese dabei nicht noch mehr belasten. Aus der eigenen Unsicherheit wird passives Schweigen, kein Handeln. 

Aus dieser Motivation haben wir das Thema „Kindertrauer – erkennen, verstehen, begleiten“ in den Fokus genommen. Aus einem ernsten Bedürfnis nach einem  emphatischen Umgang mit Kindern und Jugendlichen entstand der folgende Fachtag:

Ermöglichen Sie Ihrem Team die Teilnahme an diesem therapeutisch-pädagogischen Fachtag,  entstanden aus der Praxis für die Praxis! Erhöhen Sie das Fachwissen und die Professionalität Ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Nutzen Sie einen Studientag für ein gemeinsames Erleben und eine gemeinsame professionelle Grundlage zu einem sehr wichtigen, vielseitigen und immer aktuellen Thema.“

Nutzen Sie das Early Bird Ticket bis zum 30.11.2019 für nur 99,00 € (inkl. USt., Getränke, Mittagsimbiss, Obst und einer werthaltigen Fachtagstasche!) Nutzen Sie Ihren restlichen Fortbildungsetat aus 2019 (Rechnungsstellung 2019)! 

Es erwarten Sie professionelle Referenten und Referentinnen, Vorträge, bis zu 15 Intensivrunden zu spannenden Themen, Live-Musik, ein Markt der Möglichkeiten, Zeit zum Netzwerken, eine Leselounge und alles in einem ansprechendem Rahmen in der EMPORE Buchholz.

Ihr habe Interesse und möchten nähere Infos? Dann klickt HIER!!!


Literatur:

Anonym (2010): Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg der Identitätsfindung, GRIN Verlag  

Flitner, E.; Valtin, R. (1991): Mit den Augen der Kinder: „Kannst du schweigen wie ein Grab?“ Über die Bedeutung von Geheimnissen für Kinder, rororo

Göbel, G.; Stöckel, U. (2019): 3. veränderte Auflage, Mein Geheimnis, Bilderbuch ab 5 Jahre

*Der Artikel enthält WERBUNG, Nennung von Autor*innen und verweist auf Bücher*


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