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Gewalt und Strafen gegen Kinder – die Sätze der Kindheit

Ein Arte Film berührte mich sehr. Dieser zeigt, wie Eltern zum Teil zu kämpfen haben, bei Überforderung die Kontrolle zu behalten und ihre Kinder nicht zu schädigen.
Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass alle Eltern und auch alle pädagogischen Fachkräfte bestrebt sind, in einer guten Beziehung mit den Kindern zu stehen. Sie möchten die Kinder auf das Leben bestmöglich vorbereiten, sie erziehen, ihnen etwas „beibringen“ und sie beim Wachsen begleiten. Eltern fühlen sich mit ihrer neuen Rolle manchmal etwas überrumpelt. Pädagogische Fachkräfte durchlaufen hingegen eine Ausbildung oder ein Studium und werden auf ihre Profession vorbereitet. Dennoch fällt es beiden Gruppen häufig nicht leicht in herausfordernden Situationen passend zu reagieren. Was steckt dahinter?

Ein paar Fakten in Kürze:

Erst seit 1949 sind Körperstrafen an Schulen in der DDR verboten, in der BRD sogar erst ab 1973. Seit 1980 sind entwürdigende Erziehungsmaßnahmen nicht mehr zulässig. Wie diese jedoch ausgelegt werden, liegt bei den Eltern. Im Jahr 1992 unterzeichnet Deutschland die UN-Kinderkonvention und verpflichtet sich damit, Gewalt gegen Kinder zu unterbinden. Seit dem Jahr 2000 haben Kinder ein „Recht auf gewaltfreie Erziehung“ (§1631 Abs. 2). Gewalt darf nicht mehr zum Zwecke der Erziehung eingesetzt werden (https://www.facebook.com/REbyARTE/videos/10155333193828869/).

Faktoren, die Gewalt begünstigen

Besonders Menschen, die selbst in ihrer Kindheit Gewalt erfahren haben, sind gefährdeter, diese selbst auszuüben. Die frühere Erziehung war im Allgemeinen stark durch Macht der Erwachsenen gegenüber den Heranwachsenden geprägt. Auflehnung gegen die Eltern oder autoritäre Personen wurde oft bestraft. Mit dieser Form der Erziehung wurden Generationen konfrontiert und einige Opfer dieser Erziehungsform sind selbst Eltern/Großeltern oder üb(t)en soziale und pädagogische Berufe aus.

Auch wenn die klassische autoritäre Erziehung heutzutage weniger praktiziert wird, werden einige Methoden im Umgang mit den Kindern noch immer angewendet. Körperliche Bestrafung und Demütigung gibt es noch nach wie vor und sie wird auch teilweise aus Überzeugung eingesetzt (Juul 2014, S. 30).

Stehen Menschen unter Stress, Druck, erleiden Schlafmangel, Frustration, Überreizung oder/und Überforderung neigen diese leichter zu Gewalt. Diese Faktoren begünstigen aggressives Verhalten. In diesen belasteten Momenten kann es schneller passieren, dass Menschen die Kontrolle verlieren und in einer Form aggressiv gegen das Kind reagieren.

Die Sätze der eigenen Kindheit

Eine Vielzahl von Menschen kennen die „Sätze ihrer Kindheit“ und haben sich geschworen, diese Worte nie wieder im Beisein von Kindern zu nutzen. Typisch ist es, dass auch solche, meist verletzenden Worte in Situationen der Überforderung schneller ausgesprochen werden. Einiges möchte man anders machen, als es einem selbst in der Kindheit widerfahren ist und ist plötzlich erschrocken, wenn alte Muster der Kindheit wiederholt werden.
Und dann passiert es, es werden „diese“ Sätze gesagt, Strafen verhängt und der Tonfall ist laut und rau.

Ärger und Wut beim Erwachsenen

Tun Kinder nicht, was die Erwachsenen von ihnen erwarten und wozu sie aufgefordert werden, reagieren die Erwachsenen unter Umständen verärgert. Nicht selten animiert sie der Ärger, welcher sich auch in Wut verwandeln kann, laut zu werden oder eine Strafe zu verhängen. Alte Muster werden aktiviert und nach dem Motto „so wie du mir, so ich dir“ strafen sie, indem sie beispielsweise eine Spielverabredung untersagen, die Gute-Nach-Geschichte oder das Fernsehen streichen. Im Kindergarten werden beispielsweise beliebte Spiele vertagt, ein anstehender Ausflug wird in Frage gestellt oder Auszeiten wie der „Stille Stuhl“ eingesetzt.
Diese Strafen werden als Druckmittel in Konfliktsituationen eingesetzt. Häufig, wenn Erwachsene in besagten Situationen selbst kaum anderweitige Möglichkeiten als Kind kennengelernt haben. Mit dem Strafen möchten Erwachsene den Kindern helfen, im Leben besser zurecht zu kommen. Sie sollen sich anpassen und lernen, wie die Gesellschaft funktioniert. Oft verbirgt sich dahinter gar keine böse und schädigende Absicht.

Erwachsene strafen eher, wenn sie selbst Bindungspersonen erlebten, die so vorgegangen sind. Wird das eigene Erleben nicht reflektiert und hinterfragt, wiederholt sich das bekannte Muster meist fast automatisch.
Daher ist die eigene Reflektion von Eltern und Fachkräften überaus wichtig, um solche Kreisläufe zu durchbrechen (vgl. Saalfrank 2017, S. 79 ff.)

 

„Denn jemand, der selber in der Kindheit in Konfliktsituationen abgewertet, gedemütigt, kleingemacht und gestraft wurde, hat dadurch in seinem Bindungs- und Beziehungssystem einen Reflex eingepflanzt und verankert bekommen. Einen Reflex, der etwas Kämpferisches birgt (…) Diese eingebrannten Beziehungsmechanismen kommen bei Stress und Überforderung zutage, in Form von wenig liebevollem Handeln durch Strafen, Sanktionen und Konsequenzen in der Beziehung zu den eigenen Kindern“ (ebd., S. 81).

Durch die Reflektion des eigenen Handelns ist es möglich neue Handlungswege zu entwickeln. Dieser Weg ist aber häufig, auch im professionellen Kontext für Fachkräfte unter Stress und Überforderung sehr schwierig. Im emotionalen Nervensystem sind die eigenen Erfahrungen tief verwurzelt. Diese werden unter Umständen im Schnellverfahren abgerufen.

Erwachsene tragen immer die Verantwortung für das eigene Handeln, aber selbst ausgebildete Fachkräfte müssen sich eingestehen, dass auch sie verletzlich sind und dementsprechend unter Umständen reagieren.

„So sind frühe unerfüllte emotionale Bedürfnisse an bestimmte Handlungsimpulse gekoppelt (…). Sich diese unerfüllten emotionalen Bedürfnisse anzuschauen und einzugestehen, ist nicht einfach. Es ist heikel, sich den tiefer liegenden emotionalen Ursachen, die zu diesem Kreislauf führen, im Einzelnen zuzuwenden, denn sie bergen mitunter frühen Schmerz und Trauer über ungestillte Bedürfnisse. Und doch ist es ein wesentlicher Baustein auf dem Weg, den Kreislauf zu unterbrechen“ (ebd., S. 82).

 

Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Begleitung und Erziehung – zu Hause, im Kindergarten und in der Schule.

Strafen

Durch den Einsatz von Strafen wird automatisch die Schwäche der Kinder in den Vordergrund gerückt und der Erwachsenen tritt in die mächtige Position. Reflektieren Eltern und Fachkräfte wie sie sich in der unterlegenen Position fühl(t)en, tritt ein Gefühl der Demütigung und Schwäche auf. Jeder Mensch ist grundsätzlich bestrebt sich wertvoll und wichtig für die Bezugsperson zu fühlen. Blieb dieses Gefühl in frühen Jahren teilweise unerfüllt, wird dieser Schmerz reflexartig geweckt. Aus der Erinnerung an dieses frühere unangenehme Gefühl entsteht Stress. Um dieses Gefühl auszugleichen und zu entspannen, reagieren Erwachsenen u.U. mit Strafen und die Hilflosigkeit weicht für einen Moment. Diesen inneren Kampf gilt es zu durchbrechen und die reflexartigen Momente in Ruhe zu betrachten, um mit externer Unterstützung oder im vertrauten Team andere Handlungsalternativen einzuspielen.
Fühlen Erwachsene sich in ihrem Selbstwert gekränkt und reagieren mit Ärger und Wut, verhängen Strafen, Sanktionen oder richten die eigenen Gefühle gegen die Kinder, so ist unabdingbar diese Dynamik zu hinterfragen.

„Wir strafen unsere Kinder aus einem Ärger heraus, den die Kinder lediglich ausgelöst haben, dessen Ursache und Entstehung jedoch zumeist in der eigenen Kindheit und schon lange zurück liegt“ (ebd., S. 84).

 

Fazit

Egal, ob mit den eigenen Kindern zuhause oder im professionellen Kontext in der Kita oder Schule, immer übernehmen wir Erwachsenen die Verantwortung für die Form der Beziehung und insbesondere für das eigene Handeln. Kinder tragen keine Schuld für unsere Wut, unseren Ärger und unsere Reaktionen. Sie lösen lediglich Handlungen aus oder wecken alte Muster in uns, die gefühlt unser Fass zum Überlaufen bringen. Grundsätzlich möchten Kinder Erwachsenen nie schaden oder diese ärgern. Sie möchten kooperieren und sich in Beziehungen wertvoll und anerkannt fühlen. Scheinen Situationen hingegen zu verkannten und explosive Züge annehmen, ist es überaus ratsam, sich diese Momente mit etwas Abstand anzusehen. Ein Jeder kann seine eigenen Anteile überprüfen und hinterfragen, denn besonders nervige und störende Situationen rufen nach Veränderung. Kinder brauchen verlässliche Erwachsene, die ihnen vorleben, wie mit schwierigen und konflikthaften Situationen umgegangen werden kann.

Vorbilder, die gefühlvoll, ehrlich und authentisch mit ihnen wachsen und sich entwickeln. Es geht nicht darum, einen Konflikt perfekt zu lösen. Es geht darum anzuerkennen, dass jeder Mensch den gleichen Wert hat. Auch wenn wir ein Verhalten oder eine Handlung nicht verstehen und nachvollziehen können und vielleicht sogar total daneben finden und provoziert, darf kein Mensch herabgewürdigt oder gedemütigt werden. Formulieren wir unseren Standpunkt klar, bestimmt und eventuell auch gefühlvoll und teilen unserem Gegenüber unsere Grenze mit, haben Kinder die Möglichkeit diesen Umgang von uns zu lernen. Wir möchten schließlich auch Kinder, die unsere Grenzen wahren, also schützen wir ihre.

Lasst uns Vorbilder sein, die einander Zeigen, wir alle haben den gleichen Wert und die gleichen Rechte!

 

Literatur:
Facebook: online unter: www.facebook.com/REbyARTE/videos/10155333193828869/; abgerufen am 15.12.2017
Juul, J. (2014): Aggression: Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist. Frankfurt am Main
Saalfrank, K. (2017): Kindheit ohne Strafen. Neue wertschätzende Wege für Eltern, die es anders machen wollen

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