Foto: pixabay

Philosophieren mit Kindern

 Die Autorin zeigt, was Philosophieren mit Kindern für die Entwicklung von Kindern erbringen kann und gibt Hinweise für die pädagogische Praxis.
Der Alltag mit Kindern in frühpädagogischen Einrichtungen ist meist sehr klar und eng strukturiert. Kindergartengruppen und Grundschulklassen sind durch eine meist große Kinderzahl geprägt, die von ein, maximal zwei pädagogischen BegleiterInnen betreut werden. Die Kinder müssen sich häufig anpassen und ihre Gefühle und Bedürfnisse zurückstellen, bis sie an der Reihe sind. Als PädagogIn möchte man sich häufig teilen und die eigenen Ohren und Hände vervielfachen, um den Kindern gerecht werden zu können.
Zudem ist der Alltag meist schnelllebig und hektisch und es bleibt zu wenig Spielraum und Zeit, Kinder individuell und achtsam mit ihren Bedürfnissen in Empfang zu nehmen.

Für eine gesunde Entwicklung ist es aber wichtig, dass sich die Kinder für ihre eigenen Emotionen und Bedürfnisse sowie die der anderen Kinder und Erwachsenen sensibilisieren. Besonders in konfliktreichen Momenten, welche durch starke Emotionen begleitet werden, möchte man am liebsten die Zeit anhalten.
Beim Philosophieren mit Kindern, was stetig mehr Einzug in Kindergärten und Schulen findet, kann ein besonderer Zeitraum geschaffen werden, der großartige Auswirkungen verspricht. Bereits in den siebziger Jahren begann Matthew Lippman mit Kindern zu philosophieren und die Praktiken entwickeln sich seitdem stetig weiter (vgl. Lenoir 2018, S. 39).

Achtsamkeit für andere beginnt mit der Achtsamkeit für sich selbst

Im Alltag zeigen sich Kinder oft unausgeglichen und unkonzentriert. Sie für ihren eigenen Körper zu sensibilisieren und einen achtsamen Umgang damit nahezulegen, erscheint immer notweniger. Um dies zu fördern, wird bereits im Kindesalter Meditation als hilfreich beschrieben.

Es gibt diverse Praktiken, mit Kindern zu meditieren. Im Westen steht das Nachdenken über eine Idee im Fokus, während es in der östlichen Meditation darum geht, zur Ruhe zu kommen und den Geist frei werden zu lassen, um sich zu entspannen. Um Konzentration zu fördern empfiehlt die niederländische Erzieherin und Therapeutin Eline Snel Kinder ab dem Kindergartenalter dabei zu unterstützen, im Hier und Jetzt zu sein. Sie bringen sich hierfür in eine angenehme Position (beispielsweise sitzend mit den Händen auf dem Bauch), spüren die eigene Atmung und lassen die Gedanken vorbeiziehen. Zu Beginn dauern diese Übungen zwei bis drei Minuten und steigern sich langsam (vgl. ebd., S. 24 ff).

Eine kleine Meditation im Alltag einzubauen hilft den Kindern, die „(…) volle Kapazität ihrer Sinneswahrnehmungen auszuschöpfen“, und den Gedankenfluss zu unterbrechen, um sich auf den konkreten „Augenblick zu konzentrieren“ (ebd., S. 12). Kindern gefallen diese Übungen zum Teil so gut, dass sie sie in ihren Alltag einbauen und auch zuhause in emotionalen Erregungszuständen anwenden (vgl. ebd., S. 13).
Dieses Instrument eignet sich in alltäglichen wie in aufregenden Situationen und ermöglicht den Kindern ein Zur-Ruhe-Kommen.

Warum mit Kindern philosophieren?

Das Interesse der Kinder an Philosophiekreisen ist aus verschiedenen Beweggründen groß. Sie genießen es, in einem geschützten Rahmen sagen zu können, was sie denken und fühlen. Es geht hierbei nicht um die Wiedergabe von Wissen. Es gibt in diesen Zeiten keine Bewertung oder Benotung. Die Kinder formulieren ihre persönliche Meinung zu einem Thema und sammeln Argumente für ihre Ansichten (vgl. Lenoir 2018, S. 13). „Zudem lieben es Kinder, die großen existentiellen Fragen der Philosophie zu diskutieren: Was ist Glück, was bedeutet Leben und was Tod, was sind eigentlich Emotionen und was Gefühle (…)“ (ebd., S. 13).
Pädagogische Fachkräfte können mit diesen besonderen Zeiten ein Verständnis für das Denken und Fühlen der Kinder entwickeln, ihre moralische Entwicklung fördern und sie dabei begleiten, die eigenen Gefühle zu kontrollieren und eigene Sichtweisen zu entwickeln (vgl. ebd., S. 15). Zudem können Verknüpfungen der verschiedenen Bildungsbereiche geschaffen und die sprachliche Entwicklung sowie „wissenschaftliches Denken“ unterstützt werden (vgl. Scheidt/Stollreiter, S. 3).

Wie funktioniert das Philosophieren?

Die Ansichten, wann und wie am Besten philosophiert werden sollte, sind verschieden. Während Aristoteles meinte, man müsse ungefähr 45 Jahre alt sein, glauben andere, dass das Philosophieren eine bestimmte intellektuelle Reife und das Lesen von anspruchsvollen Texten voraussetzt. Nach Lenoir geht es aber nicht darum, sich Wissen anzueignen, vielmehr darum „denken zu lernen“. Zu Philosophieren ist schneller als das Lesen und Schreiben zu erlernen und keine Frage des Alters. Diese Ansicht teilt Epikur: „Wer jung ist, soll nicht zögern zu philosophieren, und wer alt ist, soll nicht müde werden im Philosophieren. Denn für keinen ist es zu früh und für keinen zu spät, sich um die Gesundheit der Seele zu kümmern“ (Epikur, Brief an Menoikeus, zitiert in Lenoir, S. 34). In jedem Alter gibt es diverse Zugänge zum Philosophieren und jedes Alter bringt gewisse Erfahrungen und Themen mit sich, bereits von Geburt an. Weit bevor Kinder mit dem Sprechen beginnen, bestaunen und entdecken sie die Welt.

Ein wichtiger Aspekt für die Philosophie ist das Staunen. Zudem wird das Philosophieren als „(…) eine Tätigkeit, die sich im Gespräch vollzieht“ verstanden (Scheidt/Stollreiter, S. 5). Der Beginn, wann ein Mensch dazu in der Lage ist, ist daher nicht festgelegt, aber bereits im Kleinkindalter möglich. Beim Philosophieren geht es darum, die Welt zu verstehen, zu begreifen und den Sinn dieser zu hinterfragen.

 

Es ist also nie zu früh mit dem Philosophieren zu beginnen. In der Kinderkrippe verstehen wir darunter ein gemeinsames Nachdenken bzw. einen Austausch im Dialog. Im Alter von zweieinhalb/drei Jahren entdecken Kinder, dass andere Personen andere Gefühle und Bedürfnisse haben. Kinder in diesem Alter entwickeln viele Warum-Fragen und hinterfragen ihre Welt stetig (vgl. ebd., S. 5f). Während jüngere Kinder auf die Frage „Was ist Glück?“ eher mit Beispielen antworten, wie: baden gehen, mit Freunden spielen oder Eis essen, nimmt die Tiefe der Gedankengänge und Ausdrucksfähigkeit ab dem sechsten Lebensjahr deutlich zu. In diesem Alter fällt es den Kindern bereits leichter, ihre „(…) Empfindungen in Worte zu fassen und klare Gedankengänge zu formulieren“ (ebd., S. 35). Auf Grund der Gehirnentwicklung und den wachsenden Neuronen(verbindungen) sowie der Entwicklung der Temporal- und Frontallappen fällt es den Kinder ab sechs, sieben Jahren leichter die eigenen Gefühle zu kontrollieren und Gedanken zu formulieren.

Wichtig beim Philosophieren mit jüngeren Kindern ist, dass keine zu hohen Erwartungen entstehen, sondern die Zeit als ein bewusster Austausch und ein gegenseitiges Zuhören verstanden wird (vgl. ebd., S. 34ff).

Empfehlungen für die Zeit mit Philosophie

Mit Kindern kann grundsätzlich zu jeder Zeit philosophiert werden. Meist sind es schon die kleinen Momente und alltäglichen Gespräche, die verdeutlichen, womit sie sich beschäftigen und wie sie die Welt wahrnehmen. So ist ein Gespräch in einer intimen Situation sowie in einer kleinen Gruppe, in der jedes Kind aufmerksam beachtet und gehört wird, überaus wertvoll. Möchte man hingegen in einer pädagogischen Einrichtung eine Philosophierunde/zeit einführen, so sind folgende Empfehlungen möglich:

Es eignet sich einen Raum, der zum Gespräch/Diskutieren mit Kindern hergerichtet wird. Damit sich die Kinder beim Sprechen ansehen können, empfiehlt sich ein runder Sitzkreis. Die pädagogische Fachkraft fügt sich in diesen Kreis ein, von einer frontalen Anordnung ist abzusehen. Zu Beginn sollten die Kinder in Abhängigkeit vom Alter zu ihren Ideen zum Thema Philosophieren befragt werden. Bereits Grundschulkinder kommen zu klaren Aussagen und meinen es geht über das Nachdenken, den Sinn des Lebens, ein gemeinsames Besprechen über Themen etc. (vgl. Lenoir, S. 44). Die gemeinsamen Regeln/Absprachen werden festgehalten. Die Fachkraft begleitet den Prozess, ohne zu bewerten oder gar Wissen zu prüfen. Die Haltung der PädagogInnen ist geprägt durch „(…) ein echtes Interesse an den Gedanken des Kindes“ (Scheidt/Stollreiter, S. 12) und alle GesprächspartnerInnen sind „gleichrangig“. Die Kinder sprechen nacheinander und hören sich gegenseitig zu. Wiederholungen sollten vermieden werden, jeder Wortbeitrag stellt somit einen Widerspruch oder eine neue oder präzisere Idee dar. Auch wenn einem Kind etwas missfällt, wird achtsam zugehört ohne zu lachen. Ist ein Kind mit einem Beitrag nicht einverstanden, so kann es dies sachlich mitteilen. Mögliche Formulierungen können in der Runde besprochen werden. Es wird immer Kinder geben, die sich sehr rege beteiligen, aber auch die zurückhaltenden Kinder sollten in ihrer Meinungsäußerung Raum finden (vgl. ebd., S. 43ff.). Zu Beginn der Philosophiezeit eignet sich ein Einstieg, der den Austausch anregt, ohne die eigene Meinung zu benennen. Die Themen der Kinder sollte hierbei unbedingt Raum finden. Wichtig ist zudem, dass das Gespräch ergebnissoffen sein kann (vgl. Lenoir, S. 43ff).

Um spannende Themen mit den Kindern zu besprechen, ist es wichtig zu wissen, was die Kinder aktuell interessiert. Mögliche Fragen und Themen in einer Philosophierunde können sein:
Was ist Glück, Liebe, ein Freund? Was sind Emotionen? Wie geht man mit Gewalt um? Aber auch Fragen wie: Warum kann ein Käfer nicht fliegen? Kann man auf einem Regenbogen laufen? Warum klaut ein Dieb?
Es geht darum sich in der Welt der Kinder zu bewegen.

Vielzählige Themen sind für die philosophische Zeit denkbar und umsetzbar. Es geht darum, Diskussionen anzuregen, Kinder aufzufordern Fragen zu stellen und miteinander in Kontakt zu treten. Dieses Projekt sollte mit Ausdauer und Geduld eingeführt und umgesetzt werden. Wichtig ist, „(…) dass die Kinder von frühauf lernen, selbst zu denken, ihre Emotionen zu kontrollieren, ihre Kreativität zu entwickeln, Empathie zu zeigen und mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zusammen zu arbeiten, sodass sie zu selbstsicheren, aktiven und verantwortungsbewussten Bürgern heranwachsen“ (ebd., S. 227).

Um diese Ziele zu unterstützen und verschiedene Akteure und Projekte zu verknüpfen, wurde die Stiftung SEVE (Savoir Etre et Vivre Ensemble) gegründet, die allen Interessierten offen steht (vgl. ebd., S. 226).

Quellen:
Lenoir, Frédéric (2018): Der kleine Philosoph. Wie Kinder denken. Tropen Sachbuch

Scheidt, A./Stollreiter, E. (11.2015): Philosophieren mit Kindern. Verfügbar unter: https://www.kita-fachtexte.de/uploads/media/KiTaFT_ScheidtStollreiter_PHILOSOPHIEREN-2015.pdf. Zugriff am 21.03.2018

 

Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung von www.fruehe-bildung-online.de

 

  1. Pingback: Der kleine Philosoph - WIE KINDER DENKEN – Kindheiterleben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.