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Regeln, Grenzen, Konsequenzen und Strafen in der Erziehung

Es wird heftig darüber diskutiert, ob Kinder zuhause und in der pädagogischen Einrichtung Strenge, Regeln, Grenzen, Strafen und Konsequenzen benötigen. „Ohne Strafen geht es nicht!“ heißt es oft. Besonders Menschen, die selbst eher streng erzogen wurden, stehen im Zwiespalt. Bücher wie „Kindheit ohne Strafen“ erinnern uns daran, dass es da aber scheinbar noch etwas anderes gibt, als die alten Erziehungsmethoden.
Ein genauer Blick auf den Einsatz von Regeln, Konsequenzen und Strafen ist nötig!

 

Regeln

Unumstritten ist, dass Regeln und klare Strukturen Kindern dabei helfen können, sich im Alltag zu Recht zu finden. Sie sind bei feinfühligem Einsatz stolz, wenn sie diese Abläufe und Regeln verstehen.

Zum anderen können Regeln auch ein Gefühl der Unterwerfung und Angst auslösen. Kinder sorgen sich dann um ihre gewonnene Autonomie. Besonders im Hinblick auf das Schlafen, Essen und Ankleiden kann dieser Zwiespalt zwischen dem inneren und äußeren Konflikt sichtbar und ausdrucksstark werden (vgl. Prondzinski 2012). Sie machen dann auf sich aufmerksam in Form von Schreien, Treten, Weinen oder Beißen. Ihrer Verzweiflung verleihen sie Ausdruck und sich Gehör (vgl. Staats 2014, S. 42). Das Kind strebt nach Autonomie, welche oft in einen Konflikt mit dem Wunsch nach Autonomie der Erwachsenen gerät. Möchte der Erwachsene dann die Oberhand behalten und die Gefühle unterdrücken, geraten beide in einen Teufelskreis.

Es ist daher so wichtig sich solch kleine bedeutende Situationen genau zu betrachten und zu erfragen:

  • Worum geht es an dieser Stelle?
  • Welches Bedürfnis versteckt sich dahinter – beim Kind und bei mir selbst?
  • Ist das Kind entwicklungstheoretisch in der Lage diese Situation zu bewältigen?
  • Welche Erwartungen habe ich an das Kind und an meine Begleitung?
  • Welche Erwartungen hat mein Umfeld an meine Erziehung?

Definitiv sind Absprachen und Regeln für ein harmonisches Miteinander notwendig. Es gibt grundsätzlich vier Arten von Regeln:

  • Regeln auf Grund organisatorischer Bedingungen
  • Religiös und gesellschaftlich geprägte Regeln
  • Regeln als Verbote und
  • Regeln als Vereinbarung

Verbote können auch durch Normen und Werte, aber auch persönlich begründet sein. Wichtige Verbote werden auch eingesetzt, um Gefahren abzuwenden („Es ist verboten anderen Menschen weh zu tun!“). Diese sollten aber besser als ein Appell zum Ausdruck gebracht und positiv formuliert werden. Die Form, wie etwas gesagt wird, hat Einfluss auf die Art der Umsetzung. Anstelle dessen (s.o.) ist es sinnvoller die Kinder aufzufordern, miteinander zu sprechen. Bei Verboten muss regelmäßig geprüft werden, woher stammen diese und ob sich diese durch Regeln ersetzen lassen (vgl. Focali 2011, S. 88).

„Wirkliche Regeln sollten aber das Ergebnis eines gemeinsamen, fortlaufenden Prozesses sein, in dem der Wille, die Interessen und die Bedürfnisse der Kinder einfließen“ (ebd. S. 89).

 

Grenzen

Dinge, die hingegen nicht verhandelbar sind, lassen sich als Grenzen benennen. Diese gelten meist dem Schutz der eigenen und der anderen Personen vor Gefahren. Werden Grenzen verletzt, gilt es für die Fachkraft unverzüglich zu reagieren und Kinder vor seelischer und auch körperlicher Gefährdung zu schützen. Tritt Gewalt, egal ob diese körperlich oder seelisch ist, auf, ist ein Eingreifen zwingend notwendig und sowohl das verletzte wie auch das verletzende Kind benötigt Unterstützung (vgl. ebd.).

Konsequenzen

Konsequenzen und Strafen werden oft als Antwort auf die Nichteinhaltung von Regeln oder bei Grenzüberschreitungen eingesetzt. Werden Regeln oder Grenzen verletzt, so sind Konsequenzen ein gängiges Mittel. Für das Kind soll klar sein, dass auf Grund des eigenen Verhaltens eine Reaktion erfolgt. Diese Konsequenz muss nachvollziehbar sein. Wichtig hierbei ist auch, dass Kinder sich genauso behandelt sehen, wie andere Kinder und der Einsatz bzw. die Aussprache einer Konsequenz durch die Erwachsenen sollte mit ruhigem Kopf geschehen – nicht überstürzt oder im Affekt festgelegt werden. „Letztlich ermöglichen Konsequenzen in diesem Sinne Lernerfahrungen, durch die sie selbstständig ihr Verhalten neu und anders strukturieren können“ (Focali 2011, S. 90).

Ein Beispiel:

Eine Konsequenz auf das Umkippen eines Bechers am Esstisch könnte sein, diese Pfütze je nach Alter in Begleitung aufzuwischen. Das Verbot, dass wir am Tisch mit dem Wasser nicht spielen bzw. die Regel „Mit Essen spielt man nicht!“ kann sehr verschiedene ausgelegt werden. Ist ein Kind im entsprechenden Alter, kann ihm das Angebot unterbreitet werden, später im Badezimmer oder auf dem Wasserspielplatz zu matschen. Zudem wissen wir, dass Kinder, die mit dem Essen beginnen damit nicht spielen, sondern dieses entdecken und ertasten müssen, bevor die es essen. Es gilt: Regeln sind nicht starr, aber ein bewusster Umgang mit ihnen, angepasst an die Situation ist wichtig!

Reibungen und das Austesten von Grenzen gehören zur Entwicklung der Kinder dazu und sind als etwas völlig normales anzusehen. Beim Einsatz von Konsequenzen gilt es immer wieder zu überprüfen, wie unsere Erfahrungen und Erwartungen an bestimmte Kinder aussehen und ob die Konsequenzen tatsächlich im Sinne der Gleichbehandlung gesetzt werden.

Strafen

Strafen sind im Gegensatz zu Konsequenzen pädagogisch anders zu betrachten und müssen sehr kritisch hinterfragt werden. In der Praxis hingegen sind diese noch sehr verbreitet. „Grund sind in den meisten Fällen Überforderung, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Wut und Ärger seitens des Erwachsenen“ (Focali 2011, S. 91). Mit dem Einsatz von Strafen soll das Ziel verfolgt werden, dass Fehlverhalten zu minimieren, ein bestimmtes Verhalten zu verändern (vgl. Haug-Schnabel 2011, S. 127 f.).

Die Überraschung: das unerwünschte Verhalten der Kinder geht kurzzeitig durchaus zurück, wird aber eher unterdrückt. Die Ursache für das Verhalten ist hierbei nicht behoben.

Strafen werden zudem vorrangig in hitzigen Situationen emotionsgeladen ausgesprochen. Aber Achtung: Strafen hemmen Kinder sich zu selbstbewussten und eigenverantwortlichen Individuen zu entwickeln und setzen Aggressionen und Frust frei. Das wichtige positive Vorleben von Rollen kommt stark ins Wanken, denn als Antwort auf unerwünschtes Verhalten des Kindes wird die Macht der Erwachsenen benutzt. „Anstatt neue Verhaltensweisen zu erlernen, lernen Kinder durch Bestrafung, dass derjenige, der die Macht hat, seine Vorstellungen letztlich mit (körperlicher oder psychischer) Gewalt durchsetzen kann“ (Focali 2011, S. 92).

Mit Strafen muss immer sensibel umgegangen werden, denn  Strafen führen leicht zu Demütigungen oder Beschämung und dies kann erneutes negatives Verhalten auslösen und Aggressionen schüren (vgl. Haug-Schnabel 2011, S. 127 f.). Sie stehen nicht im nachvollziehbaren Bezug zum Verhalten des Kindes. Haut ein Kind beispielsweise und erhält zum Mittag auf Grund dessen keinen Nachtisch, so erfährt das Kind keine nachvollziehbare Lernerfahrung, eher eine Beschämung oder Ausgrenzung (vgl. Focali 2011, S. 92).

Was unter Strafe verstanden wird, hängt mit dem Elternhaus, der Kultur und der eigenen Sozialisation zusammen. Strafen sollen zu besserem Verhalten verhelfen und auch warnen oder abschrecken etwas zu tun. Nicht selten wird die selbst empfundene Wut eines Erwachsenen in eine Strafe an das Kind abgegeben. Das Kind soll auch etwas erleiden und spüren, was sein Verhalten ausgelöst hat.

Strafen sind gefährlich!

Durch Strafen betonen wir das unerwünschte und negative Verhalten und heben dieses hervor. Kinder erhalten durch Strafe eine Form der Aufmerksamkeit und einige Kinder bevorzugen negative Aufmerksamkeit gegenüber ausbleibender Zuwendung. Reagiert ein Erwachsener mit Gewalt, verbal oder körperlich, so lässt dieser lediglich seine eigene Energie ab. Das Kind, welches an den Erwachsenen gebunden ist, wird ängstlich und unsicher. Diese Verunsicherung trägt im Umkehrschluss ein verstärktes Verlangen nach Schutz und Nähe zur Bindungsperson mit sich (vgl. ebd., S. 148 ff.).

Einfühlung und Beziehung statt Strafen!

Es ist bekannt, dass sich ein angemessenes und liebevolles Einfühlen bei Kindern am ehesten entwickelt, wenn diese sich selbst wohl und anerkannt fühlen. Es ist von großem Vorteil, den Kindern ein positives Vorbild zu sein, an dem sie sich orientieren können, damit sie ein ähnliches Verantwortungsbewusstsein entwickeln, wie die Erwachsenen es vorleben.

Beobachten wir Kinder und erkennen die Kompetenzen und positives Verhalten an, benennen dieses bewusst, so wird Fehlverhalten minimiert oder verschwindet gänzlich. Zeigen sich Kinder auffällig, benötigen diese in der Regel Stärkung und Wertschätzung. Auch wenn das Kind Grenzen übertritt, sollten wir die Grenzen des Kindes wahren und ihm einen Ausweg aus der Situation aufzeigen oder es darin begleiten. Nicht immer mögen wir was oder wie ein Kind etwas tut. Das ist auch nicht unsere Aufgabe. Unsere Verärgerung und Wut gilt es auch nicht zu verstecken. Im Gegenteil, ein Kind darf und sollte erfahren, dass wir nicht mit allem was es tut einverstanden sind. Das Leben bringt Konflikte und die Auseinandersetzung mit verschiedenen Standpunkten mit sich.

Aber stehen wir zu dem Kind in einer durch Wertschätzung geprägten Beziehung und fühlt sich wohl statt verängstigt, ist dies die Grundlage für einen gemeinsamen Weg und die Möglichkeit der Veränderung der Situation. Die Ausübung durch Macht ist aber total fehl am Platz:

„Es lernt dann: Der Stärkere hat Recht. Es ist also besser, der Starke zu sein, als gedemütigt zu werden. Das Kind verhält sich in anderen Beziehungen dann ebenfalls nach diesem Vorbild. Wenn wir aber wollen, dass Kinder lernen, mit uns und anderen wertschätzend umzugehen, dann dürfen wir eine Grenzüberschreitung ihrerseits nicht selbst mit einer Grenzüberschreitung beantworten“ (Saalfrank 2017)

 

Für Kinder stellen Erwachsene in erster Linie Sicherheit und Schutz dar. Sie vertrauen uns und möchten mit uns mit allen Höhen und Tiefen wachsen. Sich geliebt fühlen, auch wenn sie selbst im Zwiespalt mit sich stehen!

„Ich glaube, dass Erziehung Liebe zum Ziel haben muss.“ (Astrid Lindgren)

 

 

 


Literatur: Focali, E. (2011): Aggressionen und Gewalt begegnen. Konfliktbewältigung in der Kita. Köln (1. Auflage) Haug-Schnabel, G. (2011): Aggressionen bei Kindern. Praxiskompetenz für Erzieherinnen. Freiburg im Breisgau (2. Auflage) Saalfrank, K. (2017): Wertschätzung statt Abwertung. Es geht auch ohne Strafen: Wie Sie Konflikte mit Ihren Kindern konstruktiv lösen. Online unter: http://www.focus.de/familie/experten/wertschaetzung-statt-abwertung-es-geht-auch-ohne-strafen-wie-sie-konflikte-mit-ihren-kindern-konstruktiv-loesen_id_6419365.html abgerufen am 16.03.2017 Staats, H. (2014): Feinfühlig arbeiten mit Kindern. Psychoanalytische Konzepte für die Praxis in Kita und Grundschule. Göttingen

 

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