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Schlafen im Kindergarten – weder Zwang noch Verbot

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Schlafen ist für uns alle eine große Notwendigkeit und spätestens nach der Geburt des ersten Kindes erinnern wir Erwachsenen uns sehr gut an die Folgen vom Schlafentzug. Ein Kollege sagte einmal an einem müden Tag „Schlafentzug ist wie Folter!“. Ich konnte es in diesem Moment nur zu gut nachfühlen, denn sogar das Konzentrieren fiel mir schwer. In Zuständen der Erschöpfung legt sich dies meist auf meine Laune nieder und besonders meine engsten Lieblingsmenschen bekommen diese dann unter Umständen zu spüren. Kennen wir das nicht auch von den Kindern?

Schlaf ist wichtig…

… das ist total klar und für uns meist eine große Herausforderung dieses Bedürfnis aller Familienmitglieder in Einklang zu bringen. Aber besonders in den ersten Lebensjahren stehen die Bedürfnisse der Kleinsten im Vordergrund. Wir achten und reagieren so gut und schnell es geht auf Anzeichen von Hunger, Durst, Nähe und Müdigkeit etc. Kinder, besonders sehr kleine Kinder, sind auf uns angewiesen und benötigen bei der Erfüllung unsere Unterstützung.

Wir überlegen wo und wie das Kleinkind am besten schläft, schaffen einen eigenen Platz oder bauen Familienbetten. Die Tage werden nach unseren Schützlingen ausgerichtet, der Ablauf ihnen angepasst und Rituale eingeführt. Dann gibt es Phasen, in denen alles Kopf zu stehen scheint. Tage, die anders sind, an denen wir anderen Rhythmen folgen, Termine anstehen, ein Fest oder eine Reise. Jedes Kind reagiert auf solche Veränderungen unterschiedlich, aber ein Großteil der Kinder zeigt eine Veränderung- manchmal auch erst einen Tag später.

„Kleine Kinder haben bestimmte Bedürfnisse – und sie kommen mit der Erwartung zur Welt, dass diese erfüllt werden. Wenn die Signale der Kinder beachtet und deren Grundbedürfnisse erfüllt werden, gewinnen die Kinder an Sicherheit, sie können sich neugierig und vertrauensvoll ihrer Umwelt zuwenden.“ (Kollmann 2013, S. 34)

Damit es Kindern gut geht, sollten die emotionalen, sozialen, vitalen und kognitiven Bedürfnisse erfüllt sein (vgl. ebd. S. 35).

Kinder benötigen Phasen der Ruhe

Zuhause sind diese Ruhephasen in der Regel problemlos einzuräumen. Das bedeutet nicht, dass jedes Kind einfach zur Ruhe oder in den Schlaf findet. Jedes Kind ist individuell und das Schlafverhalten entwickelt sich mit den Jahren. So nimmt bei einigen auch die Schlafdauer mit der Zeit ab, bei anderen hält diese sich länger.

Bereits im ersten Lebensmonat kann zwischen Kurz- und Langschläfern unterschieden werden (vgl. Kramer 2015, S. 7).

Jedes Kind benötigt unterschiedlich viel oder wenig Schlaf und selbst bei Geschwistern kann die Schlafdauer variieren. Einfluss hat neben der genetischen Veranlagung auch das Temperament des Kindes (vgl. Mierau 2016, S. 75).

Ruhephasen im Kindergarten

Im Kindergarten treten Kinder mit vielen anderen Menschen in Kontakt und durchleben einen in der Regel anspruchsvollen Tag in der Gruppe. Je nach den Rahmenbedingungen fallen die Gruppen größer oder kleiner aus und je nach Kindergarten sind die Räume unterschiedlich von der Architektur und Ausstattung. Einige Kindergärten haben kleine Nestgruppen mit einem sehr guten Personalschlüssel, in anderen Einrichtungen sind bereits kleine Kinder in altersgemischten Gruppen untergebracht. Jedes dieser Kinder geht mit den Situationen unterschiedlich um und jedes Kind benötigt nach einer aufregenden Zeit eine Phase der Ruhe. Kinder brauchen somit in den Räumen Rückzugsmöglichkeiten, Höhlen oder Matratzen zum Ausruhen. Sie müssen die Möglichkeit des Rückzuges, ruhigen Spiels oder auch zum Schlafen erhalten. Das kindliche Gehirn muss all diese Eindrücke verarbeiten können, und um dieses vor Überreizung und Überforderung zu schützen, benötigen Kinder Ruhephasen (vgl. Kollmann 2013, S. 48 f.).

„Wird diesem Bedürfnis nicht nachgegeben, kann es zu aggressivem Verhalten kommen; die Kinder schreien, werfen mit Gegenständen um sich, kommen nicht mehr zur Ruhe.“ (ebd., S. 49).

Erhalte Kinder die Möglichkeit selbst ein inneres Gleichgewicht zwischen Ruhe und Bewegung zu finden, so kommen sie meist von allein ihrem Bedürfnis nach (vgl. ebd., S. 50).

Mittagsschlaf im Kindergarten – Zwang oder Verbot?!

In einigen Kindergärten wird noch sehr starr an den Schlafzeiten festgehalten und es besteht eine Schlafpflicht. Fragt man dort genauer nach, so sind personelle Situationen und beispielsweise Pausenregelungen der Grund für dieses Vorgehen. Dies kann sich auf das Schlafverhalten und auf die Beziehung negativ auswirken. Auch wenn Ruhephasen notwendig sind, so sollte es nie Zwang sein und bei Kindern etwas Unangenehmes auslösen. Kinder sollen erfahren, dass das Ausruhen etwas Schönes ist, kein Zwang, aber eine Möglichkeit geschützt neue Kraft zu tanken (vgl. Mierau 2016, S. 80).

In anderen Einrichtungen wird der Mittagsschlaf bei Erreichung eines bestimmten Alters (z.B.  dem Wechsel in die nächstgrößere Gruppe) gestrichen. Das Alter gibt dem Kind nun vor, es sei groß und brauche keinen Schlaf mehr. Dies ist zudem durch bestimmte Kindergärten durch Platz- oder Personalmangel begründet. Diverse Studien belegen, dass bereits ca. 13% der Kinder mit zwei Jahren keinen Mittagsschlaf mehr benötigen. Wiederrum noch 50% der Dreijährigen den Mittagsschlaf bedarf aufweisen (vgl. Kramer 2015, S. 6).

Was geschieht, wenn Kinder nicht ausreichend schlafen?

Haben Kinder nicht ausreichend geschlafen, so sinkt ihre Konzentration, sie zeigen ein verkürztes Explorationsverhalten. Ihre Emotionen sind Schwankungen ausgesetzt und sie zeigen eine raschere Frustration und Aggressivität auf. Auch der Schlaf zur Mittagszeit bietet den Kindern die Möglichkeit der Verarbeitung, Verankerung oder Löschung von Informationen und gibt den Kindern die Kapazitäten ausgeruht neue Aufgaben zu bewältigen (vgl. ebd., S. 9).

Auftrag eines jeden Kindergartens ist es, den Kindern jeden Alters entsprechend ihrer Bedürfnisse Ruhephasen zu ermöglichen. „Die Förderung in Tageseinrichtungen soll insbesondere darauf gerichtet sein, (…)das Kind dabei zu unterstützen, ein Bewusstsein vom eigenen Körper und dessen Bedürfnissen zu erwerben.“ (KitaFÖG §1 Absatz 3, Punkt 5). Diese grundlegenden Anforderungen sind somit auch gesetzlich verankert und finden sich für Berlin beispielsweise im KitaFÖG. Die Kindergärten haben somit den wichtigen Auftrag eine Balance von Anspannung und Entspannung zu ermöglichen und die Kinder in dieser wichtigen Aufgabe zu begleiten und zu unterstützen.

 

Literatur:

1 Kommentar zu “Schlafen im Kindergarten – weder Zwang noch Verbot

  1. Ich seh das auch so, bei uns sind es die Eltern die keinen Mittagsschlaf für ihre Kinder wollen und bekommen das auch durch, da sie ja Kunden sind ! Kinderwohl ist da nicht so wichtig, da man uns das „Fachkraft “ nicht immer abnimmt, da viel zu viele ungelernte und nur kurz ausgebildete Kräfte immer mehr eingestellt werden, da der Laden ja laufen muss!
    Rechtsanspruch und Personalschlüssel passen oft nicht zusammen.
    In der Gesellschaft herrscht der Gedanke, mit Kindern kann jeder, immer noch!

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