Pädagogikleben

Eingewöhnung in die Kita

Berliner Eingewöhnungsmodell

Eingewöhnung in die Kita

Vor kurzem wurde ich gefragt, ob es normal sei, dass ein Kind in der Eingewöhnung weine. Es wurde geschildert, dass es zu Beginn wenig weinte und nun nach fast zwei Wochen verstärkt. Eingewöhnt wird nach dem „Berliner Eingewöhnungsmodell“. Ich möchte das Modell kurz erläutern und einige Erfahrungen schildern.

Das Modell in Kürze:

Vor der Eingewöhnung

Bei dem Berliner Modell lernen sich bei Parteien, Kita mit ggf. Leitung und zukünftiger Bezugspädagogin und die Familie (in der Regel das Kind und die Eltern) in Ruhe in den Kita-Räumen kennen. Es können gegenseitige Fragen, Sorgen und Ängste geklärt werden. Grundlage kann ein Buch sein, in Berlin nutzt man dazu den Eingangsfragebogen des Sprachlerntagebuches. Das ist eine Idee und der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Sinn ist es, das eine Basis vor Beginn der Eingewöhnung geschaffen wird. Ab dem ersten Tag wenig Zeit für solch intensive Gespräche bleibt und das Kind und der Gruppenalltag ganz im Zentrum steht.

Wie läuft die Eingewöhnung in der Regel ab?

Der Zeitraum der Eingewöhnung wird durch die individuellen Bedürfnisse von Mutter/ Vater und Kind bestimmt. Die Grundphase dauert 3 Tage, in diesen Tagen bleibt das Kind mit dem begleitenden Elternteil 1 bis 2 Stunden täglich. „Für das Kind ist es wichtig, in dieser Zeit der ersten Kontaktaufnahme zur neuen Umgebung durchgängig die Sicherheit zu haben, bei Vater oder Mutter Zuflucht zur Unterstützung suchen zu können und die schwierige Situation nicht allein meistern zu müssen. In diesen Tagen erlangt das Kind eine gewisse Vertrautheit mit der neuen Umgebung, mit der bislang noch fremden PädagogIn und den anderen Kindern.“ (Laewen, Hedervari-Heller, 2011, S. 63).

Während der Zeit in der Kita ziehen sich Eltern zurück und verhalten sich passiv. Auf Annäherungen vom Kind oder auch Blickkontakte ist es wichtig positiv zu reagieren, aber selbst keine Initiative zur Kontaktaufnahme ergreifen. Man ist in dieser Situation wie ein teilnehmender Beobachter, der seinem Kind aufmerksam gegenüber ist. Die Kinder erkunden aktiv ihre Umgebung, dies ist die Grundlage des Eingewöhnungsprozesses. Kinder sollten von den Eltern nicht gedrängt werden, sich von ihnen zu entfernen „(…) vor allem dann, wenn das Kind aktiv Körperkontakt zu ihnen sucht, sollten sie es nicht zurückweisen oder den Versuch machen, den Körperkontakt von sich aus zu beenden. Die Rolle der Eltern an sichere Basis verlangt es, die körperliche Annäherung des Kindes zu akzeptieren und die Dauer des Kontaktes völlig dem Kind zu überlassen. Die Eltern können darauf vertrauen, dass sich das Kind der Umgebung von selbst wieder zuwenden wird, wenn es sich sicher fühlt.“ (ebd., S. 64f.).

Wer ist bei der Eingewöhnung wichtig?

Gute Eingewöhnung zielt darauf ab, dass tragfähige Beziehungen zwischen Eltern, Kind und PädagogIn entstehen. Bei der Eingewöhnung sind Eltern, Kind und PädagogIn gleichermaßen wichtig. Eltern und PädagogIn sind Partner in der Entwicklungsbegleitung des Kindes. Die Bindung des Kindes zu den Eltern wird durch die Betreuung im Kindergarten nicht geschwächt. Grundsätzlich ist es ratsam, die Eingewöhnung mit einer Bezugsperson durchzuführen.

Verlauf der Eingewöhnung nach Plan

Idealerweise bleibt die Bezugsperson an drei Tagen 1- 2 Stunden im Kindergarten dabei. Sie ist die sichere Basis für das Kind und unterstützt den Kontaktaufbau zur BezugspädagogIn. Am vierten Tag ist normalerweise ist die erste Trennung geplant. Das Elternteil verabschiedet sich bewusst und geht aus dem Raum oder auch aus der Kita, auch wenn das Kind Protest anmeldet. Diese Trennung entscheidet darüber, ob die Trennungssequenzen in den nächsten Tagen erweitert werden oder ob die Bezugsperson wieder in die Einrichtung kommt und das Kind begleitet. Dies ist wichtig, wenn sich das Kind nicht beruhigen lässt oder zeigt, dass es ihm nicht gut geht. Denn nicht nur Kinder, die weinen, haben Kummer. Wie das Kind sich während der Trennung verhält, wird von den PädagogInnen beobachtet. Dass ein Kind weint, ist ein wichtiges Zeichen und dieses Gefühl muss ernst genommen werden. Es trägt einen Schmerz in sich und ähnlich wie bei einer Verletzung nach einem Fall, benötigt es Trost. Und Kinder die nicht weinen, leiden nicht unbedingt weniger.

Jedes Gefühl ist wichtig und nehmt es an, wie es ist. Nicht selten habe ich Eltern sehr erleichtert erlebt, wenn das Kind keine Träne vergießt und sich tapfer zeigt. Aber darum geht es nicht!

Wer hier noch Ausführlicheres erfahren möchte, kann sich über die Bindungstheorie von Bowlby informieren.

Ist das Kind bereit, sich von der PädagogIn trösten zu lassen, so kann eine kürzere Eingewöhnungszeit vermutet werden. Falls nicht, benötigt es Stabilisierung durch ein Elternteil bzw. die Bezugsperson.

In der Stabilisierungsphase werden die Trennungen behutsam ausgedehnt. Wichtig sind mir immer besonders die Übergänge Nahrungsaufnahme, Hygiene und das Wickeln sowie das Schlafen. Diese Schritte müssen möglichst sensibel für das Kind gestaltet werden.

Verlaufen diese Tage und Schritte positiv, so wird die Schlussphase eingeleitet. Als abgeschlossen kann eine Eingewöhnung angesehen werde, wenn das Kind eine sichere Basis zur BezugspädagogIn herstellen konnte.

Aber, viele Eingewöhnungen laufen anders!

In all den Jahren habe ich viele Eingewöhnungen durchgeführt und begleitet. Viele Eingewöhnungen starten mit ganz verschiedenen Voraussetzungen und haben mit diversen Bedingungen zu kämpfen. Ausgehend von den Rahmenbedingungen, Ressourcen der Eltern und auch kulturellen Gegebenheiten.

Für mich als Pädagogin ist immer besonders wichtig, dass die Eltern genau verstehen, wie wichtig eine Eingewöhnung ist. Natürlich wurde ich häufig mit der Tatsache konfrontiert, dass es das zu meiner Krippenzeit doch auch nicht gegeben habe und ich doch auch groß geworden bin.

Die Folgen einer fehlenden oder missglückten Eingewöhnung können aber sehr umfassend sein. Einige Kinder werden häufiger krank, andere fühlen sich nicht wohl und haben so keine Möglichkeit zum ausgeglichenen Wachsen und Lernen. Andere essen schlecht oder schlafen unruhig oder sehr wenig. Auch hier ist jedes Kind grundverschieden und jedes Kind meistert diese Phase anders.

Grundsätzlich wichtig ist dabei nur, dass wir Erwachsenen über ein bestimmtes Wissen verfügen und diese Phase ernst nehmen. Sehen wir die Bedürfnisse, den Kummer, die Ängste und Sorgen und gehen mit ihnen so empathisch wie nur möglich um, bin ich sicher, dass Kindern dieser Wechsel gelingt. Mit uns, mit liebevollen und professionellen Unterstützern

Im Gegenzug gibt es bestimmt auch viele Eltern, die sich bereits umfassend über Eingewöhnungen informiert haben und auf Kitas stoßen, die ein eigenes Konzept fahren. Grundlegend wichtig ist auch hier, dass Eltern Vertrauen in die Arbeit der Kita aufbauen können. Das Berliner Eingewöhnungsmodell muss nicht immer DAS Modell sein, es gibt auch andere funktionierende Variationen. Aber die Eltern sollten Teil dessen sein, das steht fest.

Sand_matschen

Eigene Erfahrungen

Nicht immer haben Eltern 4 Wochen Zeit für eine Eingewöhnung, vielleicht bleibt dem Elternteil genau eine Woche. Oder es gibt in der Eingewöhnung einen Wechsel in der Bezugsperson und nach ein paar Tagen springt die Oma oder Tante ein. Es kann passieren, dass in die Eingewöhnung ein paar Urlaubs- oder Krankheitstage fallen, die sich nicht vermeiden ließen. Plötzlich fällt die Bezugspädagogin in der Kita aus und eine andere Kollegin muss einspringen. Vielleicht beginnen auch erst heftige Trennungsanzeichen nach ein, zwei oder drei Wochen. Vielleicht hat die Bezugspädagogin gleichzeitig mehrere Eingewöhnungen zu bewältigen und es wirkt chaotisch und kompliziert.

All diesen Hürden (und noch weiteren) bin ich bereits begegnet und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Eingewöhnungsphasen immer besonders intensive Zeiten sind. Es treffen Menschen mit Bedürfnissen, Druck, Sorgen, Ängsten und Erwartungen aufeinander.

Dies erfordert viel Fingerspritzengefühl, Sensibilität und Verständnis und seitens der PädagogIn eine besondere Profession. Und neben all dem benötigt es auch den Mut, Sorgen direkt anzusprechen. Es geht um eure Babys, die nun, egal ob mit 6 Monaten oder drei, vier Jahren mit anderen Personen in Kontakt treten und wir als Eltern müssen ein ganzes Stück loslassen. Das ist eine enorme Aufgabe für unsere kleinen und großen Seelen.

„Kinder brauchen Wurzeln und Flügel. Wurzeln, um zu

wissen, wo sie herkommen und Flügel, um die Welt zu erkunden.“

(Goethe)

Habt ihr Anregungen oder auch noch Fragen? So schreibt mir gern.

Literatur:

Laewen, H., Hedervari-Heller, E., Die ersten Tage: Ein Modell zur Eingewöhnung in Krippe und Tagespflege, 7. Auflage, Berlin 2011

1 Kommentar zu “Eingewöhnung in die Kita

  1. Liebe Kathrin,

    bei unserer ersten Tochter war der Papa damals mit bei der Eingewöhnung, da ich – schwanger mit der zweiten Tochter – mich in dieser Zeit nicht besonders gutgefühlt habe. Die Erzieherin ist inzwischen eine gute Freundin von mir und spricht noch heute davon, wie die Kleine keine einzige Träne vergossen hat während der Papa einfach nicht gehen wollte.. 😀

    LG Celiné

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