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„Seelenprügel“

Von Kathrin

Anke Elisabeth Ballmann prägte mit ihrem gleichnamigen Buch das Wort Seelenprügel. Es bedeutet, dass Kinder in der Kita oder Schule oder gar in ihrem Elternhaus „verbale und nonverbale Kränkungen, Drohungen, Vorwürfe, Beleidigungen, permanente Kritik, Beschämungen und Isolation (…)“ abbekommen (Ballmann 2019, 19).

Diese Verletzungen hinterlassen natürlich Narben und die Kinder verlieren das Vertrauen in sich und ihre Umwelt. Ihnen wird suggeriert, sie seien nicht „gut“, ihre Gefühle falsch und sie beginnen an sich und an ihren Fähigkeiten zu zweifeln.

Seelenprügel ist manchmal nicht sichtbar, es sind keine blutenden Wunden, die einen Verband oder ein Pflaster benötigen. Aber deshalb tun sie nicht weniger weh und schädigen die kleinen Seelen nicht weniger.

Aus der Praxis…

„Unsanft und lieblos stopft sie Friedas Füßchen in die kleinen Hausschuhe und zischt: `Ja natürlich, du schon wieder. Jeden Tag dasselbe Theater mit dir. Wenn ich dich schon sehe, hab ich für den ganzen Tag genug. Jetzt ist sofort Schluss mit der Heulerei, oder du musst ins Bett, und zwar so lange, bis du keinen Ton mehr von dir gibst`. Dieser harte Ton bahnt sich seinen schmerzhaften Weg direkt in Friedas Seele. Dort schlägt er tiefe Wunden auf verschiedenen Ebenen: Sie ist verlassen, sie ist nicht erwünscht, sie stört, sie ist einsam, sie wird nicht geliebt. Was kann in dieser Situation die einzige Antwort einer Eineinhalbjährigen sein? Aufgaben und immer stiller werden oder um Hilfe rufen!“ (ebd., 62).

Läuft es dir eiskalt den Rücken runter oder hast du vielleicht nach diesen Sätzen einen Kloß im Hals? Das Buch beinhaltet einige solcher Einblicke in den von der Autorin erlebten Kita-Alltag. Situationen, die ausgewählte pädagogische Fachkräfte im Umgang mit ihren Schützlingen beschreiben.

Es beschreibt Menschen, die eine Ausbildung oder ein Studium durchlaufen haben und sich somit für die Begleitung von jungen Menschen qualifiziert haben, während die Eltern ihren beruflichen Pflichten nachkommen. Einige von ihnen sind aber leider völlig fehl am Platz.

Das Gesetz

Ihr meint, dass das gar nicht mehr Realität sein kann, denn das Gesetzt schützt die Kinder seit 2000 vor Gewalt jeglicher Art? Ja, dieses Gesetzt gibt es, aber wird es ausreichend beachtet? Leider NEIN.

„Es ist eine Tatsache, dass sowohl in Kitas, in Schulen und in der Öffentlichkeit psychische Gewalt gegen Kinder auch heute noch akzeptiert und zuweilen sogar bewusst eingesetzt wird. Aber nach außen ist alles gut. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“ (ebd., 27).

Die Folgen

Sind Kinder psychischer Gewalt ausgesetzt, haben sie genau zwei Möglichkeiten: sie gehen in den Fluchtmodus und ziehen sich zurück oder sie zeigen sich kämpferisch und somit aggressiv und schlagen, schreien, provozieren etc. Aber es steht außer Frage, dass der Schmerz der Kindheit sich seinen Weg sucht und früher oder später die erlittenen Verletzungen an die Wasseroberfläche treten. 

Die Folgen von Gewalt prägen den Menschen ein Leben lang und äußern sich durch besondere vielseitige Alarmzeichen im Kindesalter unter anderem in Form von Entwicklungsrückständen, Schlafstörungen, Schulschwierigkeiten, Bettnässen, aggressivem Verhalten, depressive Symptomen sowie im Erwachsenenalter u.a. durch jegliche Form von Essstörungen, Selbstentwertung, Suchtverhalten, Persönlichkeitsstörungen, Bindungsstörungen etc.

Aber Achtung, auch die ruhigen Kinder können „unterschwellig“ ganz große Probleme haben und benötigen Zuwendung und Ansprache.

Zivilcourage

Werden wir ZeugInnen von Misshandlungen können wir genau zwei Dinge tun: wegsehen und das Kind seinem Schicksal überlassen oder handeln und für das Kind und seine Sicherheit, seine Entwicklung und seine Zukunft einstehen. Wenn wir das so lesen, ist sicherlich allen klar, dass Schweigen keine Option ist und es unsere Pflicht ist, bei Misshandlungen einzuschreiten. In der Realität glauben wir nur meist, die Erziehung anderer Menschen ginge uns nichts an und was nicht sein darf, nicht sein kann.

Anke Ballmann ruft in ihrem Buch dazu auf, dass Wegsehen keine Option ist. Wir dürfen es in der pädagogischen Praxis nicht länger hinnehmen, dass Kinder unter demütigendem, erniedrigenden oder gewaltvollem Handeln durch Fachkräfte oder andere MitarbeiterInnen leiden.

Kinder sind auf Erwachsene angewiesen, die über Fingerspitzengefühl und umfangreiches Fachwissen verfügen, schließlich arbeiten sie an zarten Herzen und mit sensiblen Seelen.

„Um sich um Kinder in diesen so jungen Jahren fachgerecht und liebevoll zu kümmern, braucht es echte Zuwendung, Empathie und viel Liebe. Wer nicht über diese Fähigkeiten verfügt, darf diesen Beruf nicht ausüben und sollte durch entsprechende Tests im Vorfeld nicht einmal zur Ausbildung zugelassen werden.“

Ballmann, 82

Warum reagieren Erwachsene gewaltvoll?

Oft passiert das leichter, wenn wir selbst unter Stress oder Druck stehen, Schlafmangel erleiden, frustriert, überreizt und/oder überfordert sind. Dann neigen wir schneller zu Gewalt (ähnlich wie Kinder auch). Nur ist zwingend zu unterscheiden, ob ein Erwachsener mal ungeduldig und lauter wird und schimpft oder ein Kind unter Kränkungen, Drohungen, Beschämungen, körperlicher Gewalt oder Isolation zu kämpfen hat.

Diese Form der Gewalt hat meist ihren Ursprung in der eigenen Kindheit und ist tief verwurzelt.

Meist sind die Narben so tief und schmerzhaft, dass ohne eine Aufarbeitung dieser, die Menschen im Erwachsenenalter ihre Verletzungen an die nächste Generation weiter geben. Unbearbeitete körperliche und seelische Misshandlungen werden als unterbewusstes Muster abgespeichert. Gewalt wird so zum Fundament von Gewalt!

Personen, die anderen Menschen gewaltvoll begegnen, wurden als Kinder selbst oft nicht genug geliebt, sondern gedemütigt und ausgegrenzt.

Transformation ist möglich

Anke Ballmann kommt zu der These, „(…) wenn Kinder geliebt, wertgeschätzt und umsorgt werden, sowie gewaltfrei aufwachsen, dann ist es diesen Menschen als Erwachsene nur schwer möglich, andere schlecht oder gar sadistisch zu behandeln. Denn wertgeschätzte Kinder haben von Grund auf entschieden bessere Chancen auf seelische Gesundheit“ (Ballmann 2019, 130).

Zum Glück führt aber eine eigene gewaltvolle Kindheit nicht zur Ausübung von Gewalt gegen andere.

Ich möchte noch einmal betonen, dass es uns allen möglich ist aus diesem Teufelskreis auszubrechen und wir alle die Möglichkeit haben unsere Vergangenheit zu reflektieren, zu therapieren und zu heilen.

Kinder benötigen Erwachsene, die sich ihrer Verantwortung stellen und Kinder mit Respekt und Würde behandeln und mit Liebe umhüllen.

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Das Buch könnt ihr beispielsweise hier erwerben oder natürlich in eurem Buchladen um die Ecke. Ich habe es selbst gekauft. Die Rezension ist kein Auftrag.

Ihr möchtet mehr zu dem Thema erfahren?

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Ein Nein zu Strafen und Gewalt an Kindern!

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